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Das Private ist politisch

Die Frauen kamen aus den unterschiedlichen Richtungen: Anarchistinnen, Lesben, PL/PI, Rote Hilfe, etc. – aber alle waren sich sofort einig, wie das Frauenzentrum auszusehen hat und ganz ohne die sonst in allen linken Gruppen üblichen Linien-Diskussionen.
Sie stritten sich im Plenum auch, aber nicht, um sich mit ihrem Wissen zu profilieren, wie sie das von den linken Gruppen her kannten.

Woher plötzlich diese Einmütigkeit – man vergleiche mit dem ständigen Zwist beim Aktionsrat zur Befreiung der Frauen – wie lässt sie sich erklären?

Cristina Perincioli[0] sieht drei neue politische Prinzipien, die diesen Unterschied bewirkten. Es könnte sien, dass die Frauenbewegung die erste politische Gruppe war, die diese Prinzipien realisierte, auf denen die nachfolgenden Bürgerinitiativen basieren:

1. Unmittelbarkeit

Die Frauen verzichteten darauf, den richtigen Weg zur Revolution zu kennen, respektive die Revolution überhaupt anzustreben. Sie wollten nur jeweils das anpacken, was ihnen unter den Nägeln brannte. Das waren sehr unterschiedliche Arbeitsfelder, doch ging es immer um Veränderungswünsche, die direkt vermittelbar und zum Teil auch erreichbar waren. Es arbeiteten Gruppen zur Situation von Frauen an der Hochschule und der PH, Medienfrauen und Erzieherinnen bildeten ebenfalls berufsbezogene Gruppen, persönliche Konflikte berieten Sexualitätsgruppe, und Selbsterfahrungsgruppen, um die Unversehrtheit des eigenen Körpers kümmerten sich Brot und Rosen, die § 218 Gruppe, sowie die Selbstuntersuchungsgruppen.

Alle diese Gruppen leisteten theoretische wie praktische Arbeit und Selbstreflexion. Strategiediskussionen gab es nur anhand selbst erfahrener Erfolge oder Misserfolge und nicht in Anlehnung an Schriften aus dem 19. Jahrhundert, wie es beim Sozialistischen Frauenbund (SFB) und den anderen dogmatischen linken Gruppen üblich war.

 

2. Sich selbst ernst nehmen

Für all jene Frauen, die bisher in linken Zusammenhängen gelebt und gedacht hatten, und dabei ihre drängendsten Probleme immer wieder als unwichtig und unpolitisch herabgesetzt sahen, war es eine Erlösung, endlich eine mit ihnen identische politische Arbeit angehen zu können und verteidigten fortan diese Erkenntnis auch mit Entschiedenheit. Anja Jovic beschreibt 1974 diesen Entwicklungsprozess so:

In eine Frauen-Gruppe zu gehen, schien mir nicht notwendig: ich hatte ja alles, mein Studium, meine Unabhängigkeit (?), meine Pille, meine Beziehungen. Nur wenn ich gerade mal Kate Millet oder so was las, regte sich die kalte Wut in mir. Mein Freund sagte: Das musst du doch wissen, dass das alles nur Spielarten des Grundwiderspruchs sind. Ich war stocksauer: schon wieder war ich nicht betroffen, da ich keine Lohnarbeit leistete. Aber warum zum Teufel ging es mir schlecht?[1]

Das Plenum des Frauenzentrums wurde für mich emotional ungeheuer wichtig: ich erlebte zum ersten Mal, dass Frauen sich selbst ernst nahmen, sich selbst zum Gegenstand politischer Praxis machten, dass sie die Stirn hatten, etwas für sich selbst zu fordern, ohne sich hinter der Arbeiterklasse zu verstecken. Meistens ging es um medizinische Probleme, um den §218, und daran machten sich sehr viele meiner eigenen Schwierigkeiten fest, die ich niemals als politisch begriffen hatte. All die vereinzelten demütigenden Erfahrungen bei Frauenärzten, die mir z.B. wegen einer Eierstockentzündung, die ich wahrscheinlich nie gehabt habe, nacheinander empfahlen: Klinikaufenthalt, sexuelle Enthaltsamkeit und sofortige Mutterschaft, all diese Erfahrungen, Klapse auf den Po, väterliches Grinsen, Massenabfertigung, fügten sich zusammen zu einem System von Gewalt, für das in meinem ‚revolutionären Bewusstsein’ kein Platz gewesen war.[2]

 

3. Autonomie

Die Versuche von dogmatischen Gruppen, uns für bestimmte Anlässe zu vereinnahmen, wurden von uns mit wütender Entschiedenheit abgewehrt, Kooperationen mit Parteiorganisationen nur mit größter Umsicht eingegangen. Ein Beispiel: Bei einer Demonstration gegen den §218 beanspruchte auch der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) einen Platz. In zähen Verhandlungen einigten wir uns auf eine Reihe von Parolen, die nicht ausschließlich Eigenwerbung des KBWs beinhalteten. Vorsorglich führte ich eine Zange mit mir, um ihre Lautsprecher lahm zu legen, für den Fall, dass sie sich nicht an unsere Abmachung halten sollten. Aus Erfahrung wussten wir, dass kommunistische Organisationen sich gerne an populäre Bewegungen hängten, um die Veranstaltungen dann – Kraft stärkerer Lautsprecher – als die ihren erscheinen zu lassen.[4]

Unter „Autonomen“ versteht man 30 Jahre später nur noch den „Schwarzen Block“ – junge Männer in Sturmhauben. Wenn sich das Frauenzentrum autonom nannte, dann weil es eine der wenigen Initiativen war ausserhalb und unabhängig von Parteien, die ja  alle mehr oder weniger mit „demokratischem Zentralismus“ funktionieren:

Von oben her werden alle Entschei­dungen gefällt und durchgesetzt, die Mitglieder dürfen nur noch beraten, wie sie diese Entscheidungen am besten umsetzen.[5]

Ein ‚Nebenwiderspruch’ blieb für alle K-Gruppen auch die Frauenfrage; ihre ‚Einschät­zung’: Zuerst müsse der Hauptwiderspruch, jener zwischen Lohnarbeit und Kapital gelöst werden, dann wäre damit auch die Unterdrückung der Frauen abgeschafft. Da sich Frauenemanzipa­tion später von selbst einstellen würde, lohne es nicht, Frauengrup­pen zu gründen, es sei denn, als ‚Durchlauferhitzer’ – wie die Schulung von Frauen damals genannt wurde – um sie für die Partei zu rekrutieren.

 

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Betroffenheit versus politische Linie?

Eine Parteigenossin bedrückte eine bevorstehende Abtreibung:

Die Frauen, die ich um Rat fragte, haben es als Lappalie abgetan, für mich war es aber ein ziemlich großes Problem. Den Männern, mit denen ich zusammengearbeitet habe, konnte ich das gar nicht erzählen. Mir ist dann klar geworden, menschlich kannst du mit denen nichts anfangen. Solche Probleme waren einfach nicht zu thematisieren, weil eine strikte Trennung zwischen Privatbereich und politischer Arbeit bestand und ich musste dieses Problem gezwungenermaßen in meinem Privatbe­reich lösen.“[6]

Die persönliche Identifikation mit dem Agitationsziel war fast immer oberflächlich. Zwar hatte einem die sogenannte ‚politische Bedeutung des Kampfes’ durch Artikel aus dem Zentralorgan und Diskussionen in der Grundeinheit klar zu sein, außer diesen Richtlinien hatte man aber meist kaum eine Ahnung von den Problemen und Konflikten, über die man agitierte, geschweige denn war man persönliche davon betroffen.“[7]

Da blieb nur die Flucht in die absurde These, das wichtigste sei, dass die politische Linie der Partei stimmt; die Massen kämen später schon dahinter.[8]

Soweit ein Blick in die Parteienlandschaft, der sich das Frauenzentrum verweigerte, unzählige Übernahmeversuche tapfer abwehrte, seine Autonomie verteidigte.

 

Politik der ersten Person

In Wikipedia kann man dazu lesen:

Politik der ersten Person ist ein politisches Konzept, das eine so genannte Stellvertreterpolitik ablehnt, die Trennlinie zwischen „privat“ und „öffentlich“ zurückweist und die Politisierung der Privatsphäre beinhaltet.

Die Politik der ersten Person wurde vor allem in der zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahre entwickelt. (..) Mit der Parole „Das Private ist politisch“ oder auch „Das Persönliche ist politisch“ wurde ein neues Politikfeld geöffnet, in welchem unmittelbar gekämpft wurde.

Indem Frauen seit Ende der 1960er Jahre in consciousness-raising Gruppen über ihre persönlichen Beziehungen zu Männern, über Sexualität, Schwangerschaft, Kindererziehung und Gewalt sprachen, begannen sie, diese Bereiche zu politisieren.

Und weiter in Wikipedia:

Die Politik der ersten Person entstand parallel zur Etablierung der neuen sozialen Bewegungen und hatte einen großen Einfluss auf die Bürgerinitiativbewegung, die Alternativbewegung und zunächst auch auf die Partei Die Grünen, sowie auf basisdemokratische Konzepte. Auch die Bewegung der Autonomen übernahm weitgehend das Konzept der Politik der ersten Person. (..) Hieraus folgte auch, dass ein Paternalismus strikt abgelehnt wurde und eine Unterstützung stets nur „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein konnte. Der Ansatz war hier, dass politische Aktionen von den Betroffenen auszugehen haben oder zumindest in enger Abstimmung mit ihnen und nicht über ihre Köpfe hinweg.

 

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Cristina Perincioli mit Tellermine und Doppelaxt 1975 Foto: M.S.

 

These

Aus der Politik der ersten Person ergibt sich die These, die Perincioli in „Berlin wird feministisch“ vertritt:

Die Anti-Atom-Bewegung und alle folgenden Bürgerinitiativen realisierten sich entlang von Strukturen, die nicht die APO, sondern die Frauenbewegung in den Jahren zuvor aufgebaut, erprobt und verteidigt hatte, nämlich jene die Kuby und Marzahn in ihrem Aufsatz in Kursbuch 48 [10] den Bürgerinitiativen zuschreiben:

 

Basisdemokratie

„Demokratischen Kommunikations- und Entscheidungs­strukturen. Es gibt keine formalisierten, hierarchischen Befehlskompetenzen oder Unterord­nungsgebote und daher auch keine Denkverbote, keine Selbst­zensur“.[10]

 

Meinungsvielfalt

„Einigkeit im Ziel […] ansonsten Vielfalt der Meinungen. Bürgerinitiativen verzichtet darauf,…einen einheitlichen politischen Standpunkt durchzusetzen“.[10]

 

Selbstbildung statt Schulung

Die Anti-Atom-Bewegung wurde zur umfassendsten ‚Volks-Schulung’ der deut­schen Nachkriegsgeschichte.

„Die Lernprozesse, mit denen wir es hier zu tun haben, spielen sich anders ab als in unseren gewöhnli­chen Lernanstalten. Die Lerninhalte erwachsen aus den Lebensinteressen der Lernenden und brauchen deshalb nicht unter besonderer Stimulation oder unter Zwang vermittelt und nicht durch Zertifikate bescheinigt zu werden. Es gibt keinen Numerus clausus, ganz im Gegenteil! Die Lernenden konkurrieren nicht gegeneinander, sondern kooperie­ren, und je besser sie dies tun, desto eher erreichen sie ihr Ziel.

Es gibt Spezialisten für bestimmte Fragen, aber keine professionellen Lehrer und keine Wissensmonopole. Die Rollen zwischen Lehrendem und Lernendem wechseln, der Lehrer der Physik ist bei der Platzbe­setzung vielleicht der Belehrte. Der Komplexität des Lernfeldes entspricht die Flexibilität der Lern­for­men, die vom aktionsgebundenen Aha-Erlebnis bis zur systematischen und planmäßigen Unterrich­tung reichen“.[10]

 

Aufklärungsbewegung

„APO und Bürgerinitiativen sind Aufklärungsbewegungen. Sie durchbrechen und zerstören durch Denk­tabus geschützte Ideologien: die ‚Gerechtigkeit’ des Vietnam-Krieges,… etc. Sie machen Geheimes offenbar – z. B. die Katastrophenpläne für Atomkraftwerke – und Unzugäng­liches zugänglich.“[10]

Das gilt noch mehr für die Frauenbewegung, die durch das Mittel der Selbstentblößung (Selbstbezichtigung, Abtreibung im Fernsehen, das Öffentlichmachen von sexuellem Missbrauch) unhaltbare Zustände ans Licht zerrte und Tabus brach.

Linke Parteien versus Bürgerinitiativen und Frauenbewegung

Den Zuspruch, den Bürgerinitiativen und Frauengruppen Anfang der 1970er Jahre seitens der Bevölkerung erfuhren, weckte Begehrlichkeiten im linken Lager: Zuerst versuchten die K-Gruppen die Frauenbewegung in ihre Richtung zu lenken, was ihnen im Sozialistischen Frauenbund gelang, im Frauenzentrum aber abgewehrt wurde. Dann nahmen sie sich andere Gruppen mit ‚Massenzulauf’ vor, wie die Bürgerinitiativen.
[10]

 

[0] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.89 ff. selbst überarbeitet.
[1] Jovic, Anja: Ich war getrennt, a.a.O., S. 74.
[2] Jovic, Anja: Ich war getrennt, a.a.O., S. 76.
[4] Cristina Perincioli,“Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.147 ff.
[5] Wir warn die stärkste der Partein – Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Anonymes Autorenkollektiv, Berlin 1977, S. 77.
[6] Wir warn die stärkste der Partein, a.a.O., S. 46.
[7] Wir warn die stärkste der Partein, a.a.O., S. 55.
[8] Wir warn die stärkste der Partein, a.a.O., S. 76.
[9] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.147, 148.
[10] Kuby, Thomas/Marzahn, Christian: Lernen in Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen. In: Kursbuch 48- Zehn Jahre danach, Berlin 1977, S. 153-172

 

Gründung und Struktur

Im November 1972 schrieben zwei Frauen aus der HAW Frauengruppe – Waltraud Siepert und Cristina Perincioli – einen Aufruf zur zur Gründung eines Frauenzentrums.[0]

Cornelia Mansfeld war von der Idee begeistert:

Wir fanden den Aufruf in dem Blatt Hundert Blumen – einem Alternativblatt. Wie eine Flüsterkette ging dieser Aufruf durch die verschiedenen Grüppchen und es war klar, dass wir da hingehen. Wir wollten, dass Frauen sich als Frauen organisieren. So kamen zum ersten Treffen etwa siebzig Frauen aus verschiedenen informellen Zusammenhängen.

Dieser erste Abend ist mir als ungeheuer aufregend in Erinnerung:
Noch nie hatte ich so viele Frauen in einem Raum ohne Männer gesehen, die versuchten das zu strukturieren.

Als erstes verabredeten wir Plena und Untergruppen, das alles im Stehen, weil wir so viele waren und von da an waren wir schon arbeitsfähig. Das Erarbeiten einer theoretischen Plattform – in anderen Gruppen ein Muss – wurde einfach übersprungen. Schon vor diesem Treffen war der Konsens entstanden, deshalb mussten wir darüber gar nicht mehr viel reden, weil alle dieselbe Erfahrung mit linken Gruppen hinter sich hatten.

Die erste Selbstdarstellung mit der das Frauenzentrum Berlin an die Öffentlichkeit trat ist nicht – wie bei anderen politischen Gruppen – ein Positionspapier, sondern lediglich eine unprätentiöse Beschreibung von Organisationsform und Arbeitsinhalten, allerdings mit einer heute vielleicht überraschenden Abgrenzungserklärung, die damals aber notwendig war:

Im November 1972 haben sich über eine Annonce eine Menge Frauen zusammengefunden. Wir alle wollten Frauenarbeit machen, suchten aber nach einer Alternative zum sozialistischen Frauenbund (SFB). Der SFB ist praxisfeindlich, hierarchisch und SEW[1]-orientiert, bürokratisch und antifeministisch.

Wir bildeten sofort die ersten Arbeitsgruppen: Hochschule, Sexualität, Erzieherinnen, Selbsterfahrungsgruppen. Im März [19]73 hatten wir endlich einen Laden als Frauenzentrum gemietet, wo wir Frauen beraten, Bücher verkaufen und wo sich die Gruppen treffen können.

Jede Woche kommen alle Frauen aus den Untergruppen zum Plenum. Dort werden Gruppenerfahrungen mitgeteilt und Aktionen, die von den Untergruppen vorgeschlagen werden, von allen diskutiert und beschlossen. Dadurch entwickeln wir gemeinsam und kontinuierlich das Selbstverständnis des Frauenzentrums. Wir haben also kein Selbstverständnis auf Papier, sondern lernen gemeinsam.

 

Frauenzentrum aussen
Die Ladengruppe des Frauenzentrums Berlin 1973. Foto: Cristina Perincioli

 

Jeden Donnerstag kommen Delegierte von jeder Arbeitsgruppe zur Ladengruppe, wo das Organisatorische erledigt und anstehende Probleme für das Plenum vordiskutiert werden. Danach um 20 Uhr findet jede Woche ein Informationsabend für die Neuen statt.

Wir sympathisieren mit keiner Partei. Aber wir unterstützen die Stadtteilarbeit, die Rote Hilfe und die schwulen Frauen. Dazu ein Beispiel: Am 1. Mai gab es in Berlin 3 verschiedene Demonstrationen. Wir unterstützten keine der konkurrierenden Parteien, dafür besetzten wir an diesem Tag zusammen mit der Stadtteilgruppe einen Platz für ein Kinderfest.

 

Anja Jovic beschrieb ihre Erfahrung im Frauenzentrum Berlin so:

Was an diesem ersten Abend für mich deutlich wurde, war, dass die Frauen im Frauenzentrum sich nicht bereits eine feste Theorie erarbeitet hatten und uns diese überstülpen wollten, sondern dass sie uns ‚Neue’ so, wie wir waren, mit unseren Erfahrungen sofort für voll nahmen.[2]

 

Entscheidungsstrukturen

Jede Gruppe des Frauenzentrums Berlin war für sich autonom und konnte sich ein beliebiges Arbeitsfeld aussuchen; es gab keinen einzigen Fall, bei dem durch das Plenum eine Gruppe reglementiert worden wäre. Alle Gruppen und Einzelpersonen konnten Vorschläge für Aktionen oder neue Gruppen einbringen, über ihr Zustandekommen entschied nur, ob sich genug Mitstreiterinnen dafür fanden. Es wurde also nicht entlang einer inhaltlichen oder gar politischen ‚Linie’ über Richtigkeit und Zulässigkeit eines Vorhabens befunden. Keiner ‚Linie’ folgen zu müssen, liess uns schnell und flexibel reagieren. Wir entwickelten auf diese Weise – ganz im Sinne des oben zitierten ersten Positionspapiers – „gemeinsam und kontinuierlich das Selbstverständnis des Frauenzentrums. Wir haben also kein Selbstverständnis auf Papier, sondern lernen gemeinsam.”

Im Interview charakterisiert Helga Pahl, damals technische Zeichnerin und verheiratet, die Strukturen des Frauenzentrums Berlin wie folgt:

Von Struktur war eigentlich nicht so sehr die Rede; das hatte auch sein Gutes, so trauten sich auch Leute was zu sagen, die das nicht so gewohnt waren, so dass auch die gewöhnliche Hausfrau dort ihre Meinung kund tun konnte.

Damit wir nicht immer bei Punkt Null beginnen mussten, richteten wir das Neuen-Plenum ein, wo wir von uns erzählten und die Neuen sich in die Gruppen integrieren konnten, dann lief das schon… Es war sehr wenig Struktur nötig, damit es lief.

 

War das Frauenzentrum wirklich basisdemokratisch?

Beatrice Stammer äußert sich rückblickend im Interview zu dieser Frage:

Ich weiß, dass an vielen Sachen unendlich lange diskutiert wurde, es wurde nicht einfach abgestimmt. So saßen wir manchmal bis zwei Uhr nachts dort, es sollte immer Konsens gefunden werden. Das war Klasse, weil wir lernten, Argumente zu benutzen. Es gab nur Einzelne, die anders funktionierten wie etwa Alice Schwarzer.

Bei den Anarchistinnen erfuhr ich rigidere Strukturen: Je radikaler eine war, umso mehr hatte sie zu sagen. Da gab es einen irrsinnigen Druck, immer gleich eine Aktion zu machen, ohne dass diskutiert werden konnte. Auch vom Frauenzentrum aus waren wir nachts noch oft unterwegs (z.B. zum Spayen), aber mit diesen Frauen hab ich mich immer aufgehoben gefühlt.

 

Selbsterfahrungsgruppen

Diese Selbsterfahrungsgruppen nannten wir damals CR-Gruppen nach ‚conciousness raising’ (etwa: ‚Bewußtwerdung’) – einer Methode, die wir von den US-amerikanischen Frauengruppen übernahmen. Reihum hat jedes Gruppenmitglied Gelegenheit, eine Sitzung lang über ihre Situation zu berichten; die Nachfragen der Zuhörerinnen helfen ihr, sich klarer über ihre Lage, ihre Biografie und ihre Beziehungsmuster zu werden. Diese CR-Gruppen waren enorm wichtig, weil sie jeder Frau deutlich machten, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine ist.

Cornelia Mansfeld hebt in unserem Interview die Ideologiefreiheit der CR-Gruppen hervor:

Es gab Anfängerinnengruppen, in denen jede eine Sitzung allein für sich hatte. An diesem Tag erzählte nur sie, dann wurde das diskutiert und verallgemeinert. Bei den Fortgeschrittenen wählten wir uns ein Thema aus, zu dem jede ihre Erfahrung beitrug.
Sozialistinnen kritisierten dies als oberflächlich, wenn Frauen nach einer Selbsterfahrungsgruppe wieder wegbleiben. Wir fanden das nicht: ‚Die holt sich eben, was sie braucht’. Wir haben das nicht bewertet.

In Frauen gemeinsam sind stark – Texte der US amerikanische Frauenbewegung – beschreibt Pamela Allen, wie ich finde, auf wunderbare Weise, warum das so wichtig für uns war.
In den 80er Jahren diskutierte ich mit Studentinnen diesen Text. Sie verstanden aber gar nicht, was daran so besonders sei, sich austauschen zu können. Ich musste ihnen erklären, wie wenig Gesprächsmöglichkeiten Frauen vorher gehabt hatten. Und das erklärt vielleicht auch, weshalb es damals einen solchen Aufbruch gab, weil sich Frauen Räume genommen haben, die sie gestalten konnten, das war das Begeisternde und darin spielten die Selbsterfahrungsgruppen eine zentrale Rolle, weil sie ermöglichten, sich von all diesen politischen Normen und Werten frei zu machen und die eigene Lebenserfahrung ins Zentrum zu stellen.

Monika Meta Schmid würdigt die positiven Nachwirkungen der CR-Gruppen:

Daraus entstand eine Netz von Freundschaften, weil wir uns sehr gut kannten, uns aufeinander verlassen konnten, wo dieses von Frauen für Frauen entstand, wo wir uns ernst nahmen, es wurde nie gelästert, wie etwa in einer WG, du konntest alles in die Gruppe einbringen und diskutieren lassen. Daraus entstanden Projekte, ich hab ja mindestens fünf Vereine mitgegründet. Der erste war Beratung und Information für Frauen (BIFF), der zweite war Psychosoziale Initiative für Frauen (PSIFF), hier waren die Psychologinnen, die sich damit ihren Arbeitsplatz schufen.

 

Entwicklungsstand nach einem Jahr, Herbst 1974

In einem Artikel von 1974[5], den Cillie Rentmeister und Cristina Perincioli für eine US-amerikanische Publikation verfassten, zählten sie 23 Arbeitsgruppen:

4 Selbsterfahrung
4 Selbsthilfe
2 Abtreibungsberatung und Kampagnen zum §218
2 Sexualität, Mythos vom vaginalen Orgasmus
1 Hochschulgruppe: Seminare zur Situation als Studentinnen und Dozentinnen
3 Theorien der Frauenbewegung, u.a. von August Bebel, Friedrich Engels, Selma James
1 Lohn für Hausarbeit (Mariarosa Dalla Costa)
1 Vergewaltigung, Selbstverteidigungskurs mit 25 Zentrumsfrauen

Berufsgruppen mit Beschäftigten in:

  • Medien
  • Gesundheitswesen
  • Psychotherapie, Psychiatrie
  • Kunstgeschichte
  • Schule

1 Gruppe von Psychologinnen und Soziologinnen bereiten eine Frauen-Beratungsstelle vor für pädagogische, juristische und medizinische Fragen
1 Frauenrockgruppe Flying Lesbians, die Frauen hin und wieder in Ekstase versetzt, zumal Frauenfeste schnell sehr beliebt wurden.

…und all diese Aktivitäten gingen von diesem ehemaligen Kartoffelladen mit seinen 72 qm aus – wahrlich ein „Schneller Brüter“!

Frauenzentrum aussen

Das Frauenzentrum Berlin Hornstrasse 2 Ecke Yorkstrasse. Foto: Anke-Rixa Hansen

Hier hauste das Frauenzentrum von 1973-76. Der desolate Zustand der Fassade fiel damals nicht auf. Die Renovierung von Altbauten begann in Kreuzberg erst in den 80er Jahren. Die Miete betrug 650 DM, jedes Mitglied zahlte zwischen 10 und 20 DM im Monat.

 

[0] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.89 ff. selbst überarbeitet.
[1] Die <Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW)> war ein Ableger der <Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)> der DDR in Westberlin.
[2] Jovic, Anja: „Ich war getrennt von mir selbst…“. In: Kursbuch 37, Berlin /1974, „Verkehrsformen. Bd. 2: Emanzipation in der Gruppe und die ‚Kosten’ der Solidarität S. 67-83, hier S. 75.
[3] Jovic, Anja: Ich war getrennt, a.a.O., S. 74.
[4] Jovic, Anja: Ich war getrennt, a.a.O., S. 76.
[5] Rentmeister, Cillie, Perincioli, Cristina: Women in two different systems. 1974. Zusammenfassung im Kapitel Ein Blick über die Mauer im 2. Teil des Buches