Archive for the ‘GEWALT’ Category

Hexenjagd

Anlässlich des Mord-Prozesses in Itzehoe 1974 gegen Frauenpaar Marion Ihns und Judy Andersen entstand eine bundesweite Zusammenarbeit zwischen Lesbengruppen und Frauenzentren.

 

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Die beiden Frauen waren im November 1972 verhaftet worden und wurden beschuldigt, einen Mann für die Tötung von Marion Ihns’ gewalttätigen Ehemann bezahlt zu haben. Nach Eröffnung des Prozesses im Sommer 1974 demonstrierten mehrere Frauen im Gerichtssaal und vor dem Gerichtsgebäude gegen die skandalöse Verhandlung und Berichterstattung in der Presse.

 

BILD-Serie Die Verbrechen der lesbischen Frauen

Die Vorarbeit dazu begannen wir von der Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) bereits im Februar 1973 mit einer Flugblattaktion in Berlin unterstützt vom Frauenzentrum Berlin, angeregt und verärgert über die diffamierenden Zeitungsberichte. Denn insbesondere die BILD-Zeitung hatte bereits ab Januar 1973 in einer Serie an 17 aufeinanderfolgenden Wochentagen Gewaltverbrechen, an denen lesbische Frauen beteiligt waren, genüsslich ausgewalzt.

 

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Überschrift der Bild-Serie: ‚Die Verbrechen der lesbischen Frauen’ im Januar 1973.

Flugblatt B

Flugblatt von HAW-Frauengruppe und Frauenzentrum Berlin Februar 1973
Auf der Rückseite zitiert das Flugblatt die Schlagzeilen der Serie in BILD:

25. Januar 1973: ‚Wenn zwei Frauen entdecken, dass sie sich lieben, sind sie oft zu den ungeheuerlichsten Taten fähig.’
27. Januar 1973: ‚Wenn Frauen Frauen lieben, kommt es zu einer Katastrophe.’
1. Februar 1973: ‚Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es nicht selten zu einem zu einem schweren Verbrechen.’
2. Februar 1973: ‚Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es oft zu einem Verbrechen.’

Über die Rechte des Ehemannes:
BILD vom 17. Januar 1973: … und auch seine heftigen Trinkereien werden plötzlich verständlich. Er musste sich einen Rausch antrinken, um sich mit Gewalt holen zu können, was ihm von ‚Rechts wegen’ zustand’.

 

Tatmotiv lesbische Liebe? Tatmotiv Notwehr!

Durch diese erste Aktion weckten wir auch in den in Westdeutschland entstehenden Frauenzentren und Lesbengruppen Interesse, die dann im folgenden Jahr während des Prozesses ihrerseits in Flugblätter die gemeinsame Betroffenheit von lesbischen und heterosexuellen Frauen formulierten:

„Tatmotiv lesbische Liebe? Tatmotiv Notwehr!
Diesem Gericht, das hier in Itzehoe über zwei Frauen zu richten hat, fällt es natürlich leicht, einen Schauprozess gegen Lesbierinnen abzuziehen und niedere Tatmotive zu bemühen, denn so braucht sich niemand den Kopf darüber zu zerbrechen, welcher Situation sich Frauen in dieser männerbeherrschten Gesellschaft ausgesetzt sehen.
Dieses Gericht hat sich nie über die GESELLSCHAFTLICHEN UND SOZIALEN Hintergründe Gedanken gemacht, in der diese Frauen – in der Frauen überhaupt – sich befinden. Es hat selbstverständlich nie berücksichtigt, ob vielleicht diese Gesellschaft, indem sie Menschen zur Heterosexualität zwingt und zwar fast ausweglos zwingt, nachgerade zur
GEGENGEWALT AUFFORDERT:

Da ist Judy Andersen:
Sie, die zu ihrer eigenen, weiblichen Sexualität steht, die es ablehnt, auf Männer zurückzugreifen[,] um als Frau anerkannt zu werden, diese Frau muss zwangsläufig für Presse und Justiz als verunglückter Mann hinhalten. Dieser Rolle entsprechend verhält sie sich auch – was bliebe ihr schon anderes übrig. Durch die Lebensumstände der Marion Ihns wird sie in die Beschützerrolle gedrängt. Übrigens, jeden Mann hätte man in dieser Rolle zum ‚tragischen Helden’ gemacht.
Anders mit Judy, sie ist kein Mann, man nimmt ihr übel, dass sie die Rolle konsequent durchspielte, die die Gesellschaft ihr zugedacht hatte. Sie wehrt sich indem sie die Tötung des Herrn Ihns mitplant, denn Marion kann dem Ehemann nicht weglaufen.

Die Umwelt hat Marion in eine psychische und soziale Verfassung gebracht, die ihr ein Weglaufen unmöglich machen. Sie hat die Männerwelt so tief verinnerlicht, dass sie keine eigene Identität entwickeln konnte.
Ganz früh, da wurde sie zur ‚Frau’ gemacht. Das hieß für sie unter anderem:
– Keine eigene Sexualität haben dürfen – dafür die Sexualität der Männer als Brutalität erleben.
– Keine eigene Aktivität entwickeln dürfen – also z.B. nicht einen Beruf, sondern einen Mann suchen müssen.
– Keine eigene Verfügung über ihren Körper haben dürfen – denn so wie der Ehemann ihr Schwangerschaften aufzwang, veranlasste er auch eine Abtreibung nach der anderen, ob sie die Kinder nun wollte oder nicht.
Was macht eine Frau, wenn sie merkt, dass sie ihr Leben, so wie es ist, nicht mehr aushält?
Sie versucht, sich scheiden zu lassen.
Die Antwort darauf, ist der Versuch des Mannes[,] sie zu vergiften.
BEVOR DER MANN SIE ALS SEIN EIGENTUM VERLIERT, WILL ER SIE LIEBER TÖTEN.
So wird das Leben für beide Frauen zu einer unerträglichen
STÄNDIGEN NOTWEHRSITUATION
Wenn der Justizapparat und die Presse diese Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen wollen, haben sie nicht das Recht, über Frauen zu richten bzw. zu schreiben.
Für uns Frauen gibt es daher nur eine Konsequenz aus diesem Prozess, der zu einer Farce wird, da er den gesamten Lebenszusammenhang zweier Frauen total negiert: nämlich
DIE FORDERUNG NACH FREISPRUCH

 

Frauenprotest auf der Straße …und im Gerichtssaal

Während des Prozesses führten Frauen der HAW-Frauengruppe zusammen mit Frauen aus dem Frauenzentrum Berlin sowie Frauen aus Hamburg und anderen Städten am 16. September 1974 eine Demonstration vor dem Gericht in Itzehoe und im Gerichtsaal selbst durch: Sie erhoben sich von den Zuschauerbänken, öffneten ihre Jacken, unter denen jede einen Teil eines Spruchbandes in den Saal mitgebracht hatte. Zu lesen war die Parole ‚Gegen geile Presse – für lesbische Liebe’. Außerdem wurden weitere Slogans skandiert. Die Vertreter des Gerichts waren perplex – hektisch wurden die angeklagten Frauen aus dem Saal gebracht und das Gericht floh mit wehenden Roben. Die Aktion sorgte für Furore.
Dieser Protest erforderte viel Mut: Die Beteiligten ‚outeten’ sich selbst damit bundesweit (wie das Foto der BILD-Zeitung beweist), riskierten Prügel durch die Ordnungskräfte und obendrein Strafen wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht. Eine Teilnehmerin berichtete:
„20 Frauen mussten sich aufeinander verlassen können; zum größten Teil kannten wir uns gar nicht. Vor, nach und während der Aktion bewiesen wir einen solchen Zusammenhalt, ohne den die nötige Stärke nicht hätte aufkommen und bestehen können.
Denn wir hatten Angst. Allesamt. Angst vor einer noch nie erlebten Situation, Angst vor möglichen Folgen: Bullen, die schlagen, Festnahme, Knast (und somit negative Auswirkungen für die Zukunft, z.B. als Beamtin).“

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„Gegen geile Presse – für lesbische Liebe“ zeigen die Frauen auf ihren Hemden
im Gerichtssaal in Itzehoe 17. September 1974

 

Auch biedere Blätter hetzen jetzt mit – Protest beim Presserat

Nun führten auch die anderen Publikationen des Springer-Verlags die Kampagne gegen Lesben weiter: „Lesbische Verstrickung“ (Die Welt), „Abgründe sexueller Verwirrung“ (Hamburger Abendblatt), „Bei leiser Musik liebten sie sich ununterbrochen…“ (Münchner Abendblatt)

Aber jetzt 1974 hatten wir im Frauenzentrum Berlin die Mediengruppe, einen Zusammenschluss von engagierten Berliner Journalistinnen. Diese Gruppe erreichte, dass 146 Journalistinnen und 41 männliche Kollegen in einer Petition vom 5. September 1974 den Deutschen Presserat aufforderten, die „Publikationen des Springerverlages […] wegen ihrer Sensationsberichterstattung über diesen Prozess zu rügen“, was er dann auch tat.

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Kölner Express vom 4. September 1974

Der Protest der Lesbengruppen und Frauenzentren setzte sich bundesweit fort. So beklagte die Kassler Frauengruppe in einem Flugblatt:

Das Gericht arbeitet einer solchen Berichterstattung in die Hände, indem es:
– die Öffentlichkeit zu keiner Zeit ausschließt
– uneingeschränkte Fotografiererlaubnis gewährt
– zwar Liebesbriefe ausführlich verlesen lässt,
aber nicht alle Zeugenaussagen berücksichtigt.
Wir meinen, dass man auf solche Weise alle homosexuellen Frauen zu Schreckensbildern machen will. Wir erinnern daran, dass schon immer versucht wurde, die Bevölkerung gegen Minderheiten aufzuhetzen, um von Missständen abzulenken […]. Die Prinzipien von Ehe und Familienordnung sind aus vielen Gründen fragwürdig geworden, und auch homosexuelle Frauen scheinen diese Ordnung in Frage zu stellen. Erwecken sie deshalb Unsicherheit und Ablehnung?

Das Frauenzentrum Frankfurt nahm in einem zweiseitigen Flugblatt Stellung zur Urteilsbegründung am 1. Oktober 1974:

Der Richter sagt: Der Ekel und die Hassgefühle, die Frau Ihns für ihren Mann empfand, kommen nicht aus der kaputten Ehe, sondern aus der Beziehung zwischen den beiden Frauen.
Das heißt: Wenn ihr euch von Männern brutal behandelt und vergewaltigt fühlt, stimmt bei euch was nicht. Wehe aber, wenn ihr in die Hände einer verführerischen Lesbierin fallt, dann verkehren sich eure natürlichen Empfindungen in perversen Männerhass. […] Wenn dein Freund dich in deiner Wohnung vergewaltigt, wird dir kein Gericht helfen. Über diese Gewalt muss man reden, wenn man über Gewalt von Frauen gegen ihre Ehemänner zu Gericht sitzt.

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BILD zur Urteilsverkündung im Prozess in Itzehoe.

 

Die Themen der nächsten Jahrzehnte werden sichtbar

Unsere Kampagne gegen die Diffamierung des Frauenpaares Ihns und Andersen hatte keine Wirkung auf das Gericht: Es gab keinen Freispruch, sondern lebenslange Haft für beide Frauen. Aber unsere Aktionen waren erste Schritte in Richtung auf jene Themen, die die Frauenbewegung die folgenden Jahrzehnte beschäftigen sollten:

1. Wir wurden uns bewusst, welch vielfältigen Formen männlicher Gewalt Frauen in den Familien schutzlos ausgesetzt sind. Das Flugblatt des Frauenzentrums Frankfurt deckte auf, dass beide Frauen

als Kinder vergewaltigt worden [sind], Judy mit vier, Marion mit neun Jahren. Beide sind als Kinder verprügelt worden. Judy musste als Kind mit ansehen, wie ihre Mutter Männer mit nach Hause brachte, von denen sie geschlagen und vergewaltigt wurde. Später versuchte Judy dann, ihre Mutter dagegen zu verteidigen. […] Um seine verletzte männliche Potenz zu beweisen, vergewaltigte Ihns seine Frau dreimal am Tag.

2. Die Frauenöffentlichkeit erlebte zum ersten Mal, wie ungleich die Gerichte Tötungsdelikte von Frauen und Männer wertet und dass bei der Verurteilung von Frauen strafmildernde Umstände oder gar eine Notwehrsituation bisher nie berücksichtigt worden waren. Es wäre interessant nachzuprüfen, ob sich in der Justiz ab 1975 ein Bewusstseinwandel in den Verurteilungen von Tötungsdelikten von Frauen ablesen lässt.

3. Die Unterschriftensammlung der Mediengruppe vom Frauenzentrum Berlin für die Eingabe beim Presserat legte den Grundstein zu der bundesweiten Vernetzung von Medienfrauen. Dass damals eine Unterschrift zu diesem Thema Mut erforderte und nicht ohne Folgen für die Beteiligten blieb, berichtete Magdalena Kemper im Interview. Diese Petition war für die vielen vereinzelten engagierten Journalistinnen der erste Anlass, bundesweit miteinander in Kontakt zu treten.

4. Für viele Lesben in der Bundesrepublik war unsere Kampagne ein Auslöser, sich nun ebenfalls zu organisieren.

Nach der Aktion bekamen wir einige Briefe, in denen Frauen schrieben, unser Einsatz in Itzehoe hätte sie dazu gebracht, ebenfalls eine Gruppe zu gründen. Sie hatten verstanden, dass sich Frauen bestimmte Sachen einfach nicht mehr bieten lassen sollten. Aber Diskriminierung kann man nur kollektiv angehen.

 

PorNO

Der Begriff PorNO wurde von der Zeitschrift EMMA geprägt, aber das Frauenzentrum hatte bereits 197… gegen den Film Die Geschichte der O., – einen mit Fördermitteln produziert Softporno – mit Aktionen und einer Anzeige wegen Volksverhetzung (vergeblich) protestiert.

 

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Nebenklage

Die Rechtsanwältin Alexandra Goy vertrat in den 1970er Jahren viele Frauen, die Opfer von Gewalt geworden waren. Sie entdeckte die Nebenklage als hilfreiches Rechtsinstrument für misshandelte Frauen.

Walpurgisnacht

Die Walpurgisnachtdemos gehen auf einige unangemeldete Nachtdemos zurück, zu denen sich Frauen aus dem Frauenzentrum spontan an Tatorten versammelten, an denen zuvor Frauen auf der Strasse überfallen, vergewaltigt und ermordet worden waren.
Aus einer wilden Jagd durch nächtliche Strassen wurde 1977 ein eine angemeldete Demo mit Fackeln und 6 Jahre später eine fröhlicher Umzug, der 1987 und 88 von der Frauen-Sambagruppe begleitet wurde. Später wurde aus der Walpugisnacht ein Treffen zwischen Bereitschaftspolizei und jungen Männern, eine jährlich wiederkehrende Gewaltorgie, die viele Schaulustige nach Kreuzberg lockte.

 

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Walpurgisnach 1983 in Berlin. Foto: Petra Gall

Bericht in der Broschüre Gewalt gegen Frauen vom Frauenzentrum (2. Aufl. 1977):

Am 1.März 1977 ist es soweit: Endlich gehen wir wegen einer Vergewaltigung auf die Straße!
In Charlottenburg waren allein in den letzten drei Monaten zwei Frauen an den Folgen einer Vergewaltigung gestorben. Der Frauentreffpunkt „Charlotte“ rief zur Demonstration auf. Hier ein Auszug aus dem Flugblatt:

Am 3. Februar wurde die 26jährige Susanne Sohmidtke in der Knobelsdofffstraße in Charlottenburg verge
waltigt und durch Tritte und Schläge so mißhandelt, 
daß sie 3 Wochen später ohne das Bewußtsein wieder
erlangt zu haben starb.

Dies ist kein Einzelfall. In der BRD werden 35.ooo Frauen im Jahr vergewaltigt, d.h. alle 1/4 Stunde wird eine Frau vergewaltigt. Davon werden 7.ooo Vergewaltigungen angezeigt und nur 7oo Vergewaltiger wurden verurteilt. (o,5%) Vergewaltigung wird in unserer Gesellschaft als rein sexuelles Delikt dargestellt, das dadurch entschuldigt wird: „Er brauchte halt eine Frau“, oder den Frauen wird zynischerweise unterstellt: „sie haben’s ja ganz gern“.

Wenn wir Frauen NEIN sagen, dann meinen wir auch NEIN !
Vergewaltigung ist Gewalt gegen Frauen. Sie ist die krasseste Form der Machtausübung und Unterdrückung von Männern gegenüber Frauen. 5o% der Vergewaltigungen werden von Freunden, Bekannten und Verwandten der Opfer begangen. Nicht erwähnt in den offiziellen Statistiken sind die Vergewaltigungen in der Ehe, da nach unseren bestehenden Gesetzen die Frau jederzeit ihre „ehelichen Pflichten“ erfüllen muß. Vergewaltigungen in der Ehe sind die weitaus meisten Fälle der Vergewaltigung. Ein Beispiel dafür ist der Fall einer Frau, die 2 Tage nach ihrer Scheidung von ihrem Ehemann zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde. Sie erstattete Anzeige. Im Gerichtsverfahren wurde der Mann mit der Begründung vom Richter freigesprochen, das Scheidungsurteil sei noch nicht rechtskräftig. Solange hat der Mann also ein „Recht“ auf den Körper „seiner“ Frau !

Wie können wir uns gegen Vergewaltigungen wehren? Das Schweigen über Vergewaltigung muß gebrochen werden!
Erst wenn wir verstärkt die Öffentlichkeit auf unsere Erfahrung aufmerksam machen, wird die Vergewaltigung als ein soziales Problem erkannt. Wenn wir Zeuge (in) einer Belästigung von Frauen werden, ist es in unserem eigenen Interesse wichtig, einzugreifen und dieser Frau zu helfen.
Der Fackelzug – unsere erste Demo in Berlin nur mit Frauen – führte durch die Straßen, in denen die beiden Frauen – im Dezember eine Wirtin, im Februar die Studentin – ermordet worden waren. Unsere Parolen: „Frauen, hört Ihr Frauen schreien, laßt die andere nicht allein!“ und zur Melodie von ‚Heho, spann den Wagen an‘ im Kanon gesungen:
„Frauen, leistet Widerstand gegen Vergewaltiger im Land, schließt Euch fest zusammen, schließt Euch fest zusammen.“

 

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Fackelzug der Frauen in Chaltottenburg, 1.3.1977

 

Alle Berliner Zeitungen und die Abendschau berichteten über das Ereignis; kein Wunder, denn es war wirklich eindrucksvoll: tausend Frauen mit Kackeln in den engen, dunklen Straßen von Alt-Charlottenburg!

Tags darauf befragte ich in der Gegend Frauen, Kinder,Männer zu ihrer Meinung über die Demo. In Berlin sind Demos prinzipiell unbeliebt – diesmal aber war die Zustimmung überwältigend: ‚Richtig!‘ hieß es, ‚es bleibt einem ja nicht anderes mehr übrig‘, ‚dufte‘, ‚Klasse‘ ‚öfter machen‘, ’sagenhaft‘.
Da die Demo nicht z.B. am Ku-damm stattfand, sondern am Ort des Geschehens, haben die Bewohner unsere Motivation sofort verstanden. Ausser zweien hatten alle Frauen mit denen ich sprach Angst nachts alleine auf die Straße zu gehen. Zwei Frauen, die bis spät arbeiten, lassen sich jeden abend von ihren Ehemännern vom Bus abholen.
Trotzdem meinten alle, daß Frauen teilweise auch selbst Schuld haben, wenn sie vergewaltigt werden – daß sie nämlich nicht genug vorsichtig gewesen wären; „allerdings ist es schon traurig, wenn man nachts nicht mehr mal raus kann, als Frau muß man doch die gleichen Rechte haben wie der Mann“.

Daß ein Mann, der einmal vergewaltigt ohne angezeigt zu werden dies auch ein zweites Mal tut, bejahten alle; entsprechend entsetzt waren sie denn auch ob der Tatsache, dafs 99.5% der Vergewaltiger nicht bestraft werden. Sie erklärten dies mit der Scham der Frauen Anzeige zu erstatten.

Bei der Frage nach dem Strafmaß reagierten Frauen und Männer gleich „auf jeden Fall härter“,5 Jahre‘,’1oJahreI’IFsychiatrische Behandlung‘ ,’Arbeitsdienst‘. Denn alle sahen den „ergewaltiger als ™rieb-täter, als kranken Menschen, der von der Gesellschaft ferngehalten werden müße. So wird versucht/, die gesellschaftliche Ursache, die Alltäglichkeit des Verbrechens, seine Funktion zu negieren, indem man jene „Frontkämpfer im Krieg der Geschlechter“ (Susan Brown-miller) als Aussenseiter abtut. Eine Amerikanische Untersuchung aber hat ergeben, daß sich der Vergewaltiger psychisch in nichts von einem wegen anderer Delikte Verurteilten unterscheidet, d.h. ein Vergewaltiger ist nicht’kränker’als ein anderer Krimineller. Auf die Frage, wie frau sich schützen kann, waren Frauen wie Männer recht ratlos, Judo, Karate wurden erwähnt und daß man sich bei Hilfeschreien nicht taubstellen sollte (zum „ord an Susanne Schmidtke gibt es sogar einen Zeugenl) und daß man sich doch gegenseitig mehr zu Hilfe kommen sollte, z.B. wie bei diesem Vorfall in Berlin:
Zwei Fahrgäste eines BVG-Busses beobachteten, wie eine Frau von einem Mann in einem Hauseingang belästigt wurde. Sie machten darauf aufmerksam, der Busfahrer hielt, die Fahrgäste stürzten hinaus und halfen der bedrängten Frau.
Dieses Beispiel zeigt, daß es auch hier und jetzt möglich ist, uns gemeinsam gegen Belästigung, Mißhandlung und Gewalt zu wehren. Wir müßen nur wollenl

 

Die Angst ist unser schlimmster Feind

Sarah Haffner‘ Rede nalässlich der Demo am 1.3.1977:

Die 26jährige Susanne Schmidtke, die in der Nacht zum 3. Februar vermutlich das Opfer eines Sittlichkeitsverbrechens wurde, erlag in der Nacht zum Sonntag ihren schweren Verlet-zungen.“ So berichtete „Der Tagesspiegel“ vor einer Woche.

Eine Frau ist ermordet worden, und die Zeitung spricht von einem vermutlichen Verbrechen gegen die Sittlichkeit.
Eine Frau ist missbraucht und misshandelt worden, aber nicht sie hat es getroffen, sondern die Sittlichkeit. Ich weiß nicht, was Sittlichkeit ist. Ich kenne sie nicht. Vergewaltigung und Misshandlung richten sich nicht gegen die Sittlichkeit, was immer das sein mag, sondern gegen Frauen. Gegen uns alle. Vergewaltigung und Misshandlung sind politische Akte, durch dieMacht demonstriert und Macht aufrecht erhalten wird. Susanne ist das Opfer eines politischen Verbrechens.

Jede von uns könnte die Nächste sein. Wir alle haben Angst, und wir sollen alle Angst haben. „Vergewaltigung ist nichts mehr und nichts weniger als ein bewusster Prozeß der Einschüchterung, durch den alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten“, sagt Susan Brownmiller.

Alle Männer. Ein Mann, der vergewaltigt, ist kein gestörter Psychopath, kein sexuell Hungernder, nicht einmal eine Ausnahme, wie das Verhalten von Männern in und nach dem Krieg beweist. Er folgt nicht einem plötzlichen Drang, sondern plant in den meisten Fällen sein Vorgehen; und er sucht sich ein Opfer aus, das ihm möglichst schwach erscheint: das kleine Mädchen, die alte Frau, die verängstigte Frau. Er ist ein Mann, der stellvertretend für alle Männer und mit ihrer Billigung alle Frauen bedroht. Ein Machttäter.

Alle viertel Stunde wird in Deutschland eine Frau vergewaltigt. Etwa eine Million Frauen in der Bundesrepublik und West-Berlin werden misshandelt. Und keine Polizei und kein Gericht schützt uns vor dieser Gewalt, denn die Sittlichkeit dieser Gesellschaft ist eine Sittlichkeit, die Gewalt gegen Frauen fördert, billigt und unterstützt. Sie ist die Sittlichkeit von Männern, die Frauen als ihren Besitz betrachten. Sie gibt jedem Mann das ausdrückliche Recht, „seine“ Frau zu vergewaltigen; sie sieht darüber hinweg, wenn er „seine“ Frau zusammenschlägt. Sie nimmt Verbrechen gegen Frauen bestenfalls als Beschädigung des „Besitzes“ anderer Männer wahr. Diese Menschenverachtung nennt sich „Sittlichkeit“.

Wir Frauen lernen von klein auf, mit der Angst zu leben, uns unauffällig zu verhalten, keinem Fremden zu trauen, nachts nicht allein auf die Straße zu gehen, immer vorsichrig zu sein. Wir werden angehalten, passiv zu sein, zu dulden. Wir werden zu Opfern erzogen.

Und wenn wir Opfer werden, dann reden uns Polizei und Gerichte ein, dass wir selbst Schuld seien, dass wir provozieren, dass wir es verdienen, dass wir es so gern haben.

Nein, wir haben es nicht gern so. Wir provozieren es nicht, und wir haben es nicht gern, angegriffen, beherrscht, ausgenützt, bedroht und gedemütigt zu werden. Wir haben keine Schuld an der Gewalt, die uns angetan wird.

Frauen, diese Gewalt können wir nicht länger dulden. Wir müssen endlich lernen, uns zu schützen und zu wehren.
Die Angst ist unser schlimmster Feind. Sie ist es, die uns schwach macht und lähmt. Unsere Verteidigung muß darin liegen, alert zu sein, reaktionsschnell, hinhaltend und abwehrbereit. Ein Schuh oder eine Tasche können im Notfall Waffen sein. Nicht „Hilfe“ schreien, sondern „Feuer“. Vor allem nicht gleich nachgeben. Schon die entschiedene Abwehr, mit der er nicht rechnet, kann einen Mann dazu bringen abzulassen.

Jede von uns muß bereit sein, sich selbst zu schützen, aber wir müssen auch anderen Frauen helfen. Wir brauchen Telefondienste, die jederzeit erreichbar sind, an die Frauen sich um Rat und Hilfe wenden können. Keine Frau sollte länger allein den Fragen von Polizei und Gerichten ausgesetzt sein. Wir müssen sie begleiten und unterstützen. Wir müssen Gruppen bilden, um gegen die Gewalt vorzugehen. Damit Frauen nicht länger allein sind. Damit sie nicht länger schweigen.

Frauen. Susannes Tod soll uns alle treffen, und er trifft uns alle. Das, was uns heute zusammenführt, ist Wut. Unendliche Wut. Laßt uns mit dieser Wut kämpfen. Keine von uns wird frei sein bis wir selbst über unsere Körper bestimmen. Laßt uns für unsere Freiheit kämpfen!

 

 

 

 

 

 

In: Courage 1977, 4, S. 5.

Selbstverteidigung

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Bereits 1973 lernten Frauen aus dem Frauenzentrum und der HAW-Frauengruppe – hier Monne Kühn, Eva Neumann und Monika Meta Schmid – Teak-Won-Do bei einem koreanischen Lehrer.

 

Karate-Lehrerin Martha Schediwy

Als Martha Schediwy auf den Plan trat – eine der ersten Karateleherinnen und Dan-Trägerin – gründeten wir 1976 in der Hauptstrasse 9 in Schöneberg den Selbstverteidigungsverein für Frauen SVF e.V. –  http://svf-berlin.de
Hier lernten wir Karate- und Selbstverteidigungstechniken, die speziell auf Frauen abgestimmt sind.
Aber Martha machte uns klar, dass Technik allein nicht reicht: Wir mussten uns auch abhärten!
Deshalb boxten zwischendurch auch ein paar Runden mit Boxhandschuhen, lernten dabei standzuhalten und auch Schläge ins Gesicht klaglos einzustecken. Wir übten Liegestützen – die Fäuste auf spitzen Kieseln gestützt, damit sich dort Hornhaut bilde.

 

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Martha Schediwy 1975 Foto: M.S.

Weitere Teile des Trainings waren Laufen, Krafttraining, Fallübungen, Karate-Katas, Selbstverteidigungs-Griffe und – ganz wichtig! – Rollenspiele, in denen wir lernten in gefährlichen Situationen psychologisch sinnvoll zu reagieren um heil herauszukommen. Denn Konflikte mit Männern erschrecken uns – Frauen geben lieber nach, bis es zu spät ist. Wohingegen eine entschlossene Gegenwehr den Angreifer verwirrt und so eine Flucht ermöglicht.

Ein Gruppe aus dem Selbstverteidigungsverein drehte 1986 mit Cristina Perincioli einen Lehrfilm auf VHS Video (was die bescheidene Qualität erklärt). Trotzdem, das Video Mit den Waffen einer Frau wurde fleissig kopiert und überall in der Bundesrepublik von Frauen- und Mädchengruppen angefordert.

 

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www.spass-oder-gewalt.de

1996 drehte Cristina Perincioli eine Übungsstunde, in der Martha Schediwy eine Mädchengruppe die wichtigsten Verteidigungsgriffe üben lässt. Daraus wurde eine interaktive Lerneinheit, die u.a. auch in der Lernplattform www.spass-oder-gewalt.de Mädchen motiviert.

 

karateplakat

 

 

Notruf

Der erste Notruf für vergewaltigte Frauen wurde 1977 im Frauenzentrum gegründet.
Vorangegangen waren Recherchen von Cristina Perincioli für zwei Rundfunkfeatures im SFB. Auf Anzeigen im Stadtmagazin hatten sich bei ihr Frauen gemeldet, die vergewaltigt worden waren und ihre Geschichte erzählen und öffentlich machen wollten. So bekam sie einen Überblick über das Vorgehen der Täter und die Behandung durch die Polizei. Dann besuchte sie Strafprozesse, über die sie ebefalls berichtete. Daraus ergaben sich zwei 60 Minuten Features – eine Wissensbasis.

Wie in anderen Projekten des Frauenzentrums auch (ffgz, Frauenhaus, Mediengruppe etc.) entwickelten die Frauen ihre Pläne nicht auf Grund von Theorien, Bücher- und Seminarwissen, sondern recherchierten diese tabuisierten Themen jeweils zuerst selbst an der Basis.

Das Transkript der Sendungen vom 22.5.1977 teilt sich auf in folgende Abschnitte:

1. Warum vergewaltigen Männer?

2. Wie können sich Frauen dagegen wehren?

3. Wieweit bestimmt die Gefahr einer Vergewaltigung ein Frauenleben?

4. Wie es Frauen ergeht, die eine Vergewaltigung anzeigen

5. Die Gruppe Frauen gegen Vergewaltigung

 

BILD und BZ fanden das Thema so „sensationell“, dass beide die Sendung ankündigten:
Eine Frau klagt an!

 

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Comic von Cillie Rentmeister auf der Broschüre Gewalt gegen Frauen vom Frauenzentrums 1976

Zu Beginn des Notrufs gab es zum Thema nur die unten genannten Texte und den Aufsatz von Susan Griffin Die Politik der Vergewaltigung, den das Frauenzentrum übersetze und 1976 in der Broschüre Gewalt gegen Frauen vertrieb.
Against Our Will, Susan Brownmiller, Simon&Schuster, N.Y. 1975
The Politics of Rape, Diana Russel, Stein&Day, N.Y.
Vergewaltigung, Rolf Butzmühlen, Polit-Buchvertrieb
Vergewaltigung, Emily Durant, Quemada-Verlag 1976
Ratschläge zum Verhalten nach einer Vergewaltigung

1980 kam aus der Notruf-Gruppe der Vorschlag zu einer Gesetzesänderung
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Frauenhaus

Die Berliner Arbeitsgruppe gründete 1976 nach jahrelangen Bemühungen das erste Frauenhaus in Deutschland, Vorbilder waren die Chiswick Women’s Aid in London.

 

Das Bewusstsein wird geweckt

Davon hörte Cristina Perincioli, trempte im März 1974 nach London und interviewte die Frauen. Sie erinnert sich:

1974 gab es in Deutsch noch keinen Begriff für häusliche Gewalt (wir sprachen damals von „geschlagenen Frauen“) und außer den Betroffenen – die ja schwiegen – hatte niemand eine Vorstellung davon, was es konkret bedeutet. Die Engländerinnen erzählten mir ihre Geschichten auf Tonband, Geschichten aus einer Parallelwelt unfassbarer Grausamkeiten!

 

London: neu ankommende Familie

Flüchtlinge im eigenen Land, Chiswick Women’s Aid, London 1974. Foto: Cristina Perincioli

 

Zurück in Berlin suchte ich weitere Fälle häuslicher Gewalt und fragte im Plenum des Frauenzentrums, ob jemand Frauen kenne, die von ihren Männern geschlagen werden. Groß war mein Erstaunen, als sich Frauen als selbst Betroffene meldeten aus den Gruppen des Frauenzentrums, Frauen, die ich zu kennen glaubte, mit denen ich zusammen arbeitete! Nicht „die anderen“ hatten dieses Problem – nein, es war mitten unter uns! Täter waren hier ein Theaterbeleuchter, ein Kameramann, ein Manager von IBM: Ihre Geschichten um nichts weniger brutal und perfide.

Meine Interviews und Kontakte bildeten den Grundstock für eigene Rundfunkbeiträge, für den Dokumentarfilm, den Sarah Haffner für den WDR drehte Schreien nützt nichts. Brutalität in der Ehe, sowie für das Buch Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun, herausgegeben von Sarah Haffner und bildete die Wissensbasis für meinen Doku-Spielfilm Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen.
So schafften wir über verschiedene Medien ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit über dieses Tabu-Thema.

 

Die Berlinier Initativgruppe rang zwei Jahre

Das erste Frauenhaus in Holland wurde 1974 durch Hausbesetzung möglich: „Weil wir unsere kostbare Zeit nicht damit vertun wollten, (den staatlichen Stellen) ein Problem zu beweisen, das jeder konstatieren kann,“ erklärten die Amsterdamerinnen. Auch in Berlin erschienen verprügelte Frauen im Frauenzentrum, für sie suchten wir verzweifelt nach Notlösungen. In der Senatsverwaltung für Jugend und Familie hatte man keine Eile: „Die gehen ja eh wieder zum Mann zurück!“ konstatierte Frau Hase-Schur in einem Interview.

Doch dann stellte Ulrich Roloff-Momin auf Initiative des Arbeitskreises Emanzipation der FDP im Abgeordnetenhaus am 2. März 1976 eine kleine Anfrage dazu, wieweit dem Senat das Problem geschlagener Frauen in Berlin bekannt sei. Jetzt kam Bewegung in die Sache. Erstmals konnten Sozialämter und Wohfahrtsträger Fallzahlen nennen: rund 10% der ratsuchenden Frauen in Berlin waren Opfer häuslicher Gewalt. Zwar konnten die Sozialarbeiterinnen diese beraten, „bedauern aber, dass sie gerade bei akuten Fällen die entscheidende konkrete Hilfe nicht anbieten können, nämlich die sofortige Unterbringung der Frau und der Kinder.“

Das Problem war all diesen sozialen Einrichtungen bekannt, aber keine brachte die Sache an die Öffentlichkeit. Erst die Gruppe aus dem Frauenzentrum löste deren „Maulkorb“. Auch Familien- und Gesundheitsministerin Katharina Focke erklärte 1976 ihr Desinteresse, sah keine Notwendigkeit für ein Frauenhaus. Doch der Dokumentarfilm des WDR brachte die Öffentlichkeit gegen sie auf und so sagte sie – kurz vor den Wahlen – die Förderung des Frauenhauses als „Modellprojekt“ für drei Jahre zu.

 

Team Frauenhaus Berlin

Das Team des ersten Frauenhauses (oben vlnr): Tomi Tomek, Karin Kaltenberg, Ursula Scheu, Roswitha Burgard, Christa Winterfeld; unten von links: Barbara Umbsen, Ilona Böttcher, Ruth Nehren.
Foto:   Cristina Perincioli

 

Radikale feministische Konzepte

Wie eine feministische soziale Arbeit im Chiswick Women’s Aid 1974 praktiziert wurde, erklärt Iris, eine Arztfrau und Mutter von drei Kindern im Interview mit Cristina Perincioli:

Jede Frau, die dort hinkommt, findet andere vor, die ohne Worte verstehen, was mit ihr vorgeht. Es ist ein ungeheuer befreiendes Gefühl, dort zu sitzen und einfach vor sich hin zu weinen, allein. Es kümmert sich niemand darum, sie bringen dir was zu trinken und zu essen und lassen dich damit fertig werden, denn sie wissen, daß nur du es mit dir ausmachen kannst. Sie tun nichts, um es dir leichter zu machen, zeigen dir nicht Betroffenheit oder Mitgefühl. Sie lassen dich machen. Aber du hast das Gefühl, umgeben zu sein von Liebe. Alles, was du tust und sagst, wird verstanden. Das ist sehr wichtig, für mich wars sehr notwendig, und für viele andere Frauen dort. Ich verstehe erst, seitdem ich aus dem Frauenhaus weg bin, wie sehr es mir geholfen hat, dort zu sein, unter Leuten wie ich selbst, die auf irgendeine Art solange mißhandelt worden sind, bis sie fast verrückt waren. Und weil ich das verstehe, fühle ich mich dem Frauenhaus sehr verbunden. Selbst jetzt, wo ich ausgezogen bin, gehe ich noch jeden Tag dorthin. Ich kann jetzt anderen Frauen die Liebe und das Verständnis und das Gefühl der Sicherheit geben, die mir gegeben wurden, während ich mich mit meinen Problemen abgekämpft habe. (…)

Pat hat mit Iris ein Haus in Brixton besetzt, ihr neues Zuhause. Pat erinnert sich:

Als ich da ankam, war mir ganz elend zumute, und dann, nach ein paar Tagen, merkte ich, daß alle lachten und fröhlich waren. Schließlich war ich soweit, wir haben es dann oft getan, über das lachen zu können, was uns passiert ist.
Aber gerade weil wir alle das erlebt haben, weil wir alle in einem Boot sind, können wir darüber sprechen und sogar lachen. Ich kann jetzt zurückblicken und über vieles lachen, was mir passiert ist, denn wenn ich das nicht könnte, diese Einstellung nicht hätte, dann würde ich daran kaputtgehen.

Iris:

Man kann mit anderen darüber sprechen, und die Sicherheit wächst. Man bekommt ein großartiges Gefühl von Neubeginn, Anfang eines neuen Lebens. Man kann jetzt die Person werden, die man eigentlich ist.

 

Selbsthilfe
1974 Frauen in der Womens Aid Chiswick beraten sich. Foto: Cristina Perincioli

Auch die Frauen im ersten Frauenhaus in Berlin verharrten nicht in der Opferrolle. Sie machten Telefondienst, aber vor allem hörten sie sich gegenseitig zu. Sie erzählten ihre Horrorerlebnisse einander immer und immer wieder – quasi therapeutisch! Keine Aussenstehende hätte diese wiederholten Erzählungen ertragen mögen. Für eine in gleicher Weise betroffene Zuhörerin ist das dagegen heilsam.

Weil das erste Frauenhaus autonom war, nicht Teil der Sozialwirtschaft, lernten sie aus der Rolle der „Klientin“, des Opfers, herauszutreten und sich untereinander beizustehen. Das war ein entscheidender Aspekt feministischer Therapie: die Würde zurück erlangen. Im Film Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen zeigten ehemalige Betroffene aus dem Frauenhaus, wie sie sich gegenseitig unterstützen.

 

Traumatische Erfahrungen werden in der Gruppe verarbeitet, die Neue wird aufgefangen.

Eine erfahrene Frauenhausbewohnerin begleitet die Neue zum Sozialamt….

… und unterstützt sie im Jugendamt.
Alle Ausschnitt aus dem Film Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen.

 

Von Frauengruppen profitieren und ihnen das Geld entziehen

Bis heute gibt es autonome Frauenhäuser und solche, die von Wohlfahrtsverbänden getragen werden; deren erklärtes Ziel war, den „Einfluß der autonomen Frauenhäuser in der Öffentlichkeit und in den Ministerien einzuschränken“. Die Häuser der Wohlfahrtswirtschaft sind als Gegenpol zu feministischen Konzepten gedacht und haben ausserdem die oft jahrelange Vorarbeit der Feministinnen für ein lokales Frauenhaus geerntet – d.h. sie bekamen von der lokalen Politik den Zuschlag, ohne viel dafür getan zu haben. Diese und weitere Informationen zur Geschichte der Frauenhäuser in Deutschland finden sich in einem Interview mit Andrea Drobe von ZIF und Kathie von Asel vom Frauenhaus Kassel.

Die Badische Zeitung vom 7. Nov 2016 zieht dieses Fazit:

Bis heute werden die autonomen Frauenhäuser – je nach Finanzlage der Länder – pauschal nach der Anzahl der Plätze und nicht, wie immer wieder gefordert, bundeseinheitlich nach der Anzahl der tatsächlich dort lebenden Frauen finanziert. Die Einrichtungen beklagen immense Überbelegung, gerade weil es unter den Flüchtlingen viele gewaltbetroffene Frauen gibt. Oftmals müssen sie aufgrund fehlender Kapazitäten abgewiesen werden: 2015 fragten in Berlin 556 Frauen mit 759 Kindern erfolglos einen Frauenhausplatz nach. Für die Flüchtlingsfrauen kommt aufgrund ihres unsicheren Status finanziell niemand auf.

Die von der Frauenhausbewegung angestoßenen Debatten haben juristisch viel bewegt, zum Beispiel dass Vergewaltigung in der Ehe heute strafbar ist. Trotzdem erleben noch 40 Prozent aller Frauen in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Übergriffe. Daran konnte auch die Frauenhausbewegung nichts ändern. Sie hat aber wesentlich dazu beigetragen, dass die Ausmaße des Geschehens sichtbar geworden sind.

 

 

Intern. Tribunal zu Gewalt an Frauen

Der Plan zum Tribunal wurde in einer AG im Frauencamp Femø 1974 gefasst. Die amerikanische Soziologin Diana Russel schaffte dann mit einer kleinen Gruppe und minimalen Mitteln 1976 das internationale Tribunal in Brüssel durchzuführen mit Teilnehmerinnen aus 40 Ländern.

Die Bandbreite der Themen

Der hier zugängliche Bericht über das Tribunal zeigt die Bandbreite der Themen zu denen Zeuginnen und Betroffene aussagten, nämlich:

Forced Motherhood / Compulsory Non-Motherhood / Persecution of Non-Virgins and Unmarried Mothers / Crimes Perpetrated by the Medical Profession / Compulsory Heterosexuality: Persecution of Lesbians / Crimes Within the Patriarchal Family / Economic Crime / Dual Oppression by Family and Economy / Double Oppression of Third World Women / Double Oppression of Immigrant Women / Double Oppression of Women from Religious Minorities / Sexual Objectification of Women.

Violence Against Women:
Rape/ Battering / Forced Incarceration in Mental Health Hospitals and Marriage / Femicide / Clitoridectomy / Excision and Infibulation / Violent Repression of Nonconforming Girls / Torture of Women for Political Ends / Brutal Treatment of Women in Prison.

Crimes Agains Women: Proceedings of the International Tribunal als PDF

 

Beiträge des Frauenzentrums

 

Plakat gewalttribunal
Die Gruppen des Frauenzentrums Berlin organisierten ein vorbereitendes Tribunal, in diesem Fall ein Frauenfest, bei dem die Gruppen die Beiträge vorstellten, die sie für Brüssel vorbereitet hatten und publizierte sie einer Broschüre. Sie zeigen den Kenntnissstand drei Jahre nach Gründung des Frauenzentrums.

 

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