Archive for the ‘LESBEN’ Category

L 74

Eine Gruppe älterer Lesben zog sich 1974 in die Gruppe L74 zurück mit dem Wunsch nach „Aufhebung der Isolation, Gemeinschaft mit gleichaltrigen Lesben (außerhalb des Sub, d. h. Rotlicht-Bars für Lesbierinnen), Suche nach Freundinnen, Klärung der eigenen Identität und Hilfe bei Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft.“[11] Die Gruppe gab „Unsere kleine Zeitung“ UkZ[12] von 1975 bis 2001 heraus. Bekannte Mitglieder der Gruppe L74 waren Kitty Kuse – die Gründerin, Hilde Radusch und Ilse Kokula.

Coming out der Lesben

Im Sommer 1971 wurde anlässlich der Berlinale Rosa von Praunheims Film im Forum des jungen Films gezeigt. Nach der Vorführung diskutierten eine Menge schwuler Männer vor dem Kino darüber, wie sie sich organisieren könnten. Cristina Perincioli fragte: Würden auch Frauen dort mitmachen können? Ja, wenn wir Frauen eine eigene Gruppe bildeten, wollten die Männer uns unterstützen. „Noch nie zuvor hatte ich in einer Männergruppe diese Art unvoreingenommener, brüderlicher Ermutigung und Zuwendung erfahren.“

 

Schlusslicht im Rotlichtmilieu

Wir hatten immer vermutet, dass der Besitzer des Sappho – ein Kerl, der in einem riesigen amerikanischen Cabriolet herumfuhr –, ein Zuhälter sein musste und dass die zellenartigen Fenster im Haus über dem Lokal, nicht zu einem Wohnhaus, sondern zu seinem Puff gehörten. Ins Sappho wurden auch Voyeure eingelassen, Männer, die Lesben für einen ‚flotten Dreier’ suchten. Wir, die kleine Lesbengemeinde, sahen uns als Nebenerwerbszweig für Zuhälter. Als wir später einen uns bekannten Voyeur aus dem Sappho vertreiben wollten, zeigten sich diese Strukturen: Innerhalb von Minuten war eine Truppe schlagkräftiger Männer im Lokal, die alle aufmüpfigen Lesben vor die Türe prügelten. Es war also höchste Zeit, uns aus dieser demütigenden Situation als Schlusslicht des Rotlichtmilieus zu befreien.

 

Aufstand in der Christopher Street

Den endgültigen Anstoß zur Selbstorganisation brachte der Besuch einer Lesbe aus New York. Sie erzählte uns vom Aufstand der Tunten am 28. Juni 1969 in einer New Yorker Homosexuellen Bar. „Als die Polizisten bei einer Razzia nichts Irreguläres finden konnten, begannen sie, Gäste und Wirt mit Schimpfwörtern zu bedenken: ‚faggot’, ‚fruits’.“ Diesmal nahmen die Schwulen das nicht mehr hin. „Sie versuchten, die Polizei und den Wirt einzusperren, und die umliegenden Häuser zu verbarrikadieren. Ein Aufstand, der drei Tage dauerte“ begann und wird bis heute jährlich weltweit mit der gefeiert.
Die Erkenntnis der Homosexuellen: Wir brauchen solche Lokale nicht, wir können selber eine Fabriketage mieten und ein paar Kästen Bier besorgen. Dieser praktische, einfache Gedanke leuchtete uns sofort ein.

Doch wie konnten wir andere Lesben informieren? Offen zu agitieren würde uns im Sappho Lokalverbot einbringen, deshalb druckten wir winzige Flugblätter, die so klein waren, dass man sie in der geschlossenen Hand verbergen und im Lokal unbemerkt weitergeben konnte. Auf dem Zettel stand ein einziger Satz sowie Ort und Zeit unseres nächsten Treffens. Daraufhin fanden sich acht Frauen in der S-Bahn-Quelle ein, später trafen wir uns im L’inconnue in der Goethestrasse 72-74, das – in Abwesenheit der Wirtin – von einem Kollektiv von Gästen verwaltet wurde.

Am 6. Februar 1972 veranstalteten die Schwulen eine Vorführung von Rosa von Praunheim’s Film in der Akademie der Künste. Von dieser Bühne aus riefen wir Frauen das erste Mal öffentlich zur Gründung einer Frauengruppe in der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) auf. Waren wir bisher nur acht Frauen gewesen, kamen nun schnell mehr hinzu. Am 3. März 1972 bezogen wir mit den schwulen Männern der HAW unser neues Kommunikationszentrum – eine verrottete Fabriketage in einem Hinterhof in der Dennewitzstrasse 33 in Schöneberg. Inzwischen hatten sich bereits 100 Frauen in unsere Adressenliste eingetragen.

 

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Die Faust sprengt das Frauenzeichen! Foto: M.S.

Erste autonome Selbstorganisation

Aus heutiger Sicht erscheint dieser Schritt zur Selbstorganisation als Selbstverständlichkeit, warum erfolgte er nicht früher, könnte man fragen, warum erst dann? Die HAW war eine der allerersten autonomen Selbstorganisationen in West-Berlin. Zwar gab es Schülergruppen, Betriebsgruppen, Stadtteilläden – alles keine Selbstorganisationen – mit Ausnahme der Kinderläden, sondern Initiativen von Studentinnen und Studenten, die von außen kamen und ein Betätigungsfeld suchten, ihre Erkenntnisse umzusetzen. Sobald die InitiatorInnen sich zurückzogen, lösten sich auch diese Gruppen wieder auf. Was nun mit der HAW und der HAW-Frauengruppe entstand, hatte eine neue Qualität. Außerdem war Mut nötig, um als ‚perverse’, verachtete Minderheit in die Öffentlichkeit zu treten. Und was viel Mut erfordert, bringt auch Veränderungen im Selbstbild der Handelnden mit sich. Deshalb sollen drei Frauen, die sich uns in dieser Zeit anschlossen, hier zu Wort kommen.

 

Eine kleine perverse Minderheit

Eva Rieger arbeitete nach dem Abitur sechs Jahre als Archivangestellte beim Radiosender und begann dann ein Studium an der Musikhochschule. 1991 wurde sie Professorin für Musikwissenschaft an der Universität Bremen.

Ich komme aus einer Pfarrfamilie und fühlte mich diesen Normen sehr untergeordnet. Ich habe versucht, mich als Heterofrau durchs Leben zu schlagen, habe Männerbeziehungen gehabt, das ging bis zu einer Abtreibung, und kam mit meinen erotischen Gefühlen Frauen gegenüber nicht klar.
Mit Dreißig hab ich schließlich eine Anzeige aufgegeben und eine erste Frauenbeziehung gehabt – ja wenn man das heute jüngeren Frauen erzählt, die lachen darüber, die können das nicht begreifen. Es gab keine Literatur, erst allmählich gab’s die ersten Filme, ‚Infam’ mit Audrey Hepburn.

Für mich war die HAW Frauengruppe tatsächlich eine Erlösung, insofern ich erstens merkte, dass ich nicht alleine bin auf der Welt und zweitens auch die Möglichkeit hatte, Beziehungen zu finden und mich nicht auf Anzeigen verlassen zu müssen.
Ich empfand den Sub als verruchten und unmoralischen Ort; etwas, wo ich nicht hin durfte. Ich bin zwar hin, und werde nie vergessen, wie eine ältere Frau mit mir tanzte und sagte: ‚Gehen Sie weg, Sie gehören nicht hierher!’ und unterstütze damit meine ganzen Vorurteile. Ach ich mag gar nicht dran denken, furchtbar!

Im Rias hatte ich versucht eine Beziehung zu einer Kollegin aufzubauen. Da sagte sie abfällig: ‚Ich steh nicht auf so was’, das hat mich wahnsinnig verletzt. Das bewirkte die HAW bei mir: Ich muss nicht mehr denken, ich habe eine abartige Sexualität, sondern dass diese Lebensweise voll anerkannt werden kann.
Das Psychische war für mich das Wichtigste in der HAW: Du bist nicht krank, nicht pervers, gehörst nicht zum Müllhaufen der Gesellschaft, sondern du kannst deine Liebe zu Frauen ausleben. Das war eine enorme Veränderung für mich.

 

Eva Rieger
Eva Rieger (links); die Kinobestuhlung aus der HAW kam 1975 mit ins neugegründete LAZ. Foto: Cristina Perincioli

Eva Rieger:

Von der HAW hörte ich durch eine Schulfreundin, die drückte mir ein Flugblatt in die Hand und meinte, das wär doch was für mich. Ich bat sie, doch mitzukommen. Vor der Tür zur HAW verließ sie mich, weil sie ihrerseits Hemmungen bekam. Ich ging dann zu ‚Mutter Leydicke’ – hab mir kräftig einen angetrunken und bin dann alleine rein in die HAW. Ich hatte Angst dort vermännlichten Frauen anzutreffen, die Bier literweise trinken und Kette rauchen…
Was ich sah, waren doch Frauen wie ich, jedenfalls fühlte ich mich sofort wohl. Christel nahm mich gleich unter ihre Fittiche und Gisela hat sich auch sehr um mich bemüht, das werd‘ ich ihr nie vergessen. Dieses nette Empfangen von neuen Frauen, das machte ich dann später auch mit den Neuen.

 

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Eine ist keine – gemeinsam sind wir stark. Dokumentation.
Hrsg. Von HAW-Frauengruppe. Berlin 1974.

Ilse Kokula lernte Köchin auf Wunsch ihres Vaters, der meinte, eine Frau, die Kochen kann, mache ihren Mann glücklich. Obwohl sie keine Lust auf diesen Beruf hatte, wurde sie bei der Abschlussprüfung Bayerns Beste. Dann holte sie die mittlere Reife nach, machte eine Sozialarbeiterinnenausbildung und arbeitete als solche. Ein Stipendium brachte sie in die USA. Als 28jährige ging sie nach Berlin, studierte an der Pädagogischen Hochschule (PH). In ihrer Diplomarbeit beschreibt sie die Entwicklung der Homosexuellenbewegung in Deutschland. Zehn Jahre später berief sie die Reichsuniversität Utrecht als Professorin. 1989 entstand der in der Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, in dem Ilse Kockula leitend zustäng war für die Lesben.

Ilse Kockula:

In die HAW zu kommen war mein Coming Out. In München hatte ich schon versucht Homosexuelle kennenzulernen – es ist mir nicht gelungen. Ich wusste nicht, ob ich selbst homosexuell bin – verliebt war ich schon, einseitig – und ich hätte gerne mit jemandem darüber gesprochen, aber das sollte noch zehn Jahre dauern. Ich versuchte auch Bücher zu finden, das war aber vor 1970 sehr schwierig.
In Berlin war ich ein Jahr, da erzählte mir im Seminar eine befreundete Studentin von einer Freundin, die jetzt bei den lesbischen Frauen in der HAW sei. Das hab ich etwa sechs Wochen mit mir rumgetragen, bis ich sie fragte, ob sie mich mal mit dieser Freundin bekannt machen würde. Das war . Einen ganzen regenreichen Novembernachmittag lang ist Dorro mit mir in der Fuggerstrasse um den Block gelaufen. Dann musste sie in die HAW zum Putzen. Ich bin also mit, hab geputzt und die Frauen beobachtet, immer geguckt, wie sich Lesben bewegen.

Das war noch in der Dennewitzstrasse im dritten Hinterhof – diese schreckliche Fabriketage. Im Treppenhaus ging die Beleuchtung nicht, es war immer ungemütlich und dunkel. Man musste zwei, drei Stunden früher kommen und heizen, dann war’s etwas wärmer. Dann saßen wir im Winter um diesen Bullerofen. Es gab immer Ärger wegen dem Dreck der Männer, mit denen wir damals noch die Etage abwechselnd nutzten. Wir mussten also immer putzen, weil wir ja die Frauen aus den Lokalen zu uns locken wollten, wir wollten es schön haben und nicht so versifft.
Wir saßen auf Matratzen und von einem Pleite gegangenen Kino gab’s noch einige Stuhlreihen an den Wänden. Im ersten Raum war ein Vorhang mit noch mehr Müll dahinter. Wir saßen am Boden und tranken aus Flaschen.[1]

 

Die größte Wirkung erreichte die Lesbengruppe mit dem Dokumentarfilm …und wir nehmen uns unser Recht, den Claus-Ferdinand Siegfried 1974 mit einige Frauen der HAW für den WDR realisierte, ein Film, der zur besten Sendezeit im Ersten Programm der ARD gezeigt und von allen Printmedien stark beachtet wurde.

Monne Kühn:

das war der Durchbruch! Wir bekamen Wäschekörbe voller Post – die wir beantworteten, indem wir von Berlin aus Gruppen in Westdeutschland initiierten: Wir fragten: ‚Bist du bereit Kontaktfrau zu sein?’ und dann haben wir die in der Nähe Wohnenden dieser Frau zugeordnet… so konnten diese sich in ihren Städten treffen. Diese Korrespondenz (damals ohne PC) fand in unserer Einzimmer-Wohnung statt, die Kisten voller Briefe unterm Bett. Eine ganz elementare Arbeit. Mit diesen neuen Gruppen in Westdeutschland waren wir dann auch im steten Kontakt und bei jedem Pfingstreffen kamen mehr.

Pfingsttreffen 1975
Pfingsttreffen in Berlin 1975 Foto: M.S.

Ob mit oder ohne Theorie – mit ihrer Organisationsarbeit: der Initiierung all dieser Lesben-Gruppen und der jährlichen Pfingsttreffen ermöglichten die Berliner Lesben den Tausenden verstörten und unterdrückten Frauen in Westdeutschland herauszukommen aus ihren Nischen, die Gemeinsamkeit zu feiern, sich zu stärken, Selbstbewusstsein zu tanken.[2]

Ein paar Tage normal sein

Wie weit unsere selbstorganisierte Lesbengruppe ausstrahlte, zeigt ein Brief aus der Schweiz. Nach zehn Jahren Schweigen meldete sich jene Freundin wieder, bei deren Hochzeit ich Brautjungfer gespielt hatte. Sie schrieb:

Ich möchte nach Berlin […] mich wohlfühlen unter meinesgleichen, nicht mehr schwul sein, sondern unter Euch normal sein, nicht mehr erklären müssen, warum ich nicht normal bin, nicht mehr tiefenpsychologisch ergründen wollen, warum ich lesbisch bin, einfach bei Euch sein, ein paar Tage und sehen und hören: dass es viele Mädchen und Frauen gibt, die andersrum sind, ein paar Tage
normal sein und die Gesellschaft auslachen und den Spieß einmal umdrehen, mich stark fuhlen und glucklich, eine lesbische Frau zu sein, Kraft, Mut schöpfen in einer großen Stadt, in einer großen Gruppe, ich möchte nach Berlin, schneller, als es geht, schreib mir, wie es gehen könnte …[3]

[1] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.63 ff. selbst überarbeitet.
[2] ebenda S.69
[3] ebenda S.78

Hexenjagd

Just zur Gründung des Frauenzentrums Westberlin lancierte die Springerpresse eine wochenlange Kampagne über die „Verbrechen lesbischer Frauen“….

 

Hexenjagd: der Prozess in Itzehoe

 

Anlässlich des Mord-<Prozesses in Itzehoe> 1974 gegen Frauenpaar <Marion Ihns> und <Judy Andersen> entstand eine bundesweite Zusammenarbeit zwischen Lesbengruppen und Frauenzentren. Die beiden Frauen waren im November 1972 verhaftet worden und wurden beschuldigt, einen Mann für die Tötung von Marion Ihns’ gewalttätigen Ehemann bezahlt zu haben. Nach Eröffnung des Prozesses im Sommer 1974 demonstrierten mehrere Frauen im Gerichtssaal und vor dem Gerichtsgebäude gegen die skandalöse Verhandlung und Berichterstattung in der Presse.[1] Die Vorarbeit dazu begannen wir von der Frauengruppe der <Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW)> bereits im Februar 1973 mit einer <Flugblattaktion in Berlin> unterstützt vom <Frauenzentrum Berlin>, angeregt und verärgert über die diffamierenden Zeitungsberichte. Denn insbesondere die <BILD>-Zeitung hatte bereits ab Januar 1973 in einer Serie an 17 aufeinanderfolgenden Wochentagen Gewaltverbrechen, an denen lesbische Frauen beteiligt waren, genüsslich ausgewalzt.

 

Aus der Bild-Serie: ‚Die Verbrechen der lesbischen Frauen’ im Januar 1973.

 

Die Verbrechen an den lesbischen Frauen – Flugblatt von HAW-Frauengruppe und Frauenzentrum Berlin

Unser Flugblatt vom Februar 1973 zeigte die Balkenüberschrift der BILD-Zeitung: „Die Verbrechen der lesbischen Frauen – eine Bild-Serie“handschriftlich umgewandelt in „Die Verbrechen an den lesbischen Frauen“. Das Flugblatt begann mit BILD-Schlagzeilen:

„25. Januar 1973      ‚Wenn zwei Frauen entdecken, dass sie sich lieben, sind                                    sie oft zu den ungeheuerlichsten Taten fähig.’

  1. Januar 1973 ‚Wenn Frauen Frauen lieben, kommt es zu einer Katastrophe.’
  2. Februar 1973 ‚Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es nicht selten zu einem zu einem schweren Verbrechen.’
  3. Februar 1973: ‚Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es oft zu einem Verbrechen.’

 

Über die Rechte des Ehemannes:

BILD vom 17. Januar 1973: … und auch seine heftigen Trinkereien werden plötzlich verständlich. Er musste sich einen Rausch antrinken, um sich mit Gewalt holen zu können, was ihm von ‚Rechts wegen’ zustand’.

Wie BILD die ‚Lesbischen’ sieht: ‚[…] Männlich kurzgeschorenes Haar […] raue tiefe Stimme […] kaum vorhandener Busen […] enggeschnürt stolz auf ihre BH-Größe 2, […] Lederkleidung, […] Schlagring, […] Männerkleidung, […] wie ein Kerl […]’

Nur Männer können auf diese einfältige Idee kommen, dass Frauen, wenn sie keine Puppen mehr sein wollen, aussehen müssen wie Kerle! […]

AN ALLE FRAUEN!

Unter dem Titel ‚Die Verbrechen der lesbischen Frauen’ erschien mehrere Wochen lang eine Artikelserie in der Bild-Zeitung. Den Lesern, insbesondere den Leserinnen, sollte damit eingeimpft werden, dass Frauen, die ihre in der Gesellschaft geforderte Rolle als brave Ehefrau und Mutter nicht für sich akzeptieren wollen, sowieso nur kriminell sein können. Eine Frau, die keinen Mann zum Glücklichsein braucht, darf unter keinen Umständen als ‚normal’ gelten, weil sie die jahrtausendelang überlieferte angebliche Überlegenheit und Unersetzlichkeit des männlichen Geschlechts in Frage stellen würde.

FRAUEN MACHT EUCH KLAR: Diese Artikel wurden von einem Mann geschrieben. Wieder einmal maßt ein Mann sich an, über Probleme, die uns Frauen betreffen, ein Urteil zu fällen, obwohl er absolut keine Ahnung hat, wovon er redet. Denn er ist nicht lesbisch…

Wir sind es! Wir wissen, worum es geht. Wir wissen, dass wir weder unnormal, noch krankhaft veranlagt, noch kriminell sind. Wir sind einfach Frauen, denen es keinen Spaß macht, mit Männern zu schlafen.

Blätter wie BILD, <JASMIN>, DIE <BUNTE>, <KONKRET>, <PRALINE> usw. haben sich angemaßt, sich über ‚Lesbische’ auszulassen, geil oder väterlich herablassend, immer entstellend – allen waren wir bisher gut genug, mit derartigen Berichten Geld zu machen. Diese Artikel erfüllen vor allem einen Zweck: S ie schrecken viele Frauen ab, sich ihre eigentlichen sexuellen Wünsche einzugestehen bzw. sich als homosexuelle Frau zu akzeptieren. Somit ist es nicht nur Sache der sogenannten ‚Lesbierinnen’, sondern es geht alle Frauen an, weil hier erneut klar wird, wie sehr wir trotz rechtlicher Gleichstellung mit dem Mann im gesellschaftlichen Leben immer noch unterdrückt werden.

Während der Mann als ‚Familienoberhaupt’ zu Hause uneingeschränkte Macht ausüben darf, nachdem er sich tagsüber den Anordnungen des ‚Chefs’ zu fügen hatte, werden Frauen ständig gezwungen, sich zu ducken. Die Einschränkung unserer persönlichen Freiheit ist so groß, dass man uns sogar vorschreibt, wen wir lieben dürfen und wen nicht.

Wir Frauen protestieren gegen die Verketzerung der weiblichen Homosexualität in Form von gefühlsduseligen, die Tatsachen entstellenden Artikelserien. Sachliche Informationen können nur von den Betroffenen selbst erbracht werden – und nicht von irgendwelchen ‚Wissenschaftlern’ oder Lohnschreibern der Boulevardpresse.

Frauen, unterstützt unseren Protest!

 

Homosexuelle Aktion Westberlin – Frauengruppe – Berlin 30,

Dennewitzstr. 33 – Fabrikgebäude, jeden Mittwoch

20.00 Uhr offener Abend“[2]

 

Durch diese erste Aktion weckten wir auch in den in Westdeutschland entstehenden Frauenzentren und Lesbengruppen Interesse, die dann im folgenden Jahr während des Prozesses ihrerseits in Flugblätter die gemeinsame Betroffenheit von lesbischen und heterosexuellen Frauen formulierten:

„Tatmotiv lesbische Liebe? Tatmotiv Notwehr!

Diesem Gericht, das hier in Itzehoe über zwei Frauen zu richten hat, fällt es natürlich leicht, einen Schauprozess gegen Lesbierinnen abzuziehen und niedere Tatmotive zu bemühen, denn so braucht sich niemand den Kopf darüber zu zerbrechen, welcher Situation sich Frauen in dieser männerbeherrschten Gesellschaft ausgesetzt sehen.

Dieses Gericht hat sich nie über die GESELLSCHAFTLICHEN UND SOZIALEN Hintergründe Gedanken gemacht, in der diese Frauen – in der Frauen überhaupt – sich befinden. Es hat selbstverständlich nie berücksichtigt, ob vielleicht diese Gesellschaft, indem sie Menschen zur Heterosexualität zwingt und zwar fast ausweglos zwingt, nachgerade zur

GEGENGEWALT AUFFORDERT:

 

Da ist Judy Andersen:

Sie, die zu ihrer eigenen, weiblichen Sexualität steht, die es ablehnt, auf Männer zurückzugreifen[,] um als Frau anerkannt zu werden, diese Frau muss zwangsläufig für Presse und Justiz als verunglückter Mann hinhalten. Dieser Rolle entsprechend verhält sie sich auch – was bliebe ihr schon anderes übrig. Durch die Lebensumstände der Marion Ihns wird sie in die Beschützerrolle gedrängt. Übrigens, jeden Mann hätte man in dieser Rolle zum ‚tragischen Helden’ gemacht.

Anders mit Judy, sie ist kein Mann, man nimmt ihr übel, dass sie die Rolle konsequent durchspielte, die die Gesellschaft ihr zugedacht hatte. Sie wehrt sich indem sie die Tötung des Herrn Ihns mitplant, denn Marion kann dem Ehemann nicht weglaufen.

 

Die Umwelt hat Marion in eine psychische und soziale Verfassung gebracht, die ihr ein Weglaufen unmöglich machen. Sie hat die Männerwelt so tief verinnerlicht, dass sie keine eigene Identität entwickeln konnte.

Ganz früh, da wurde sie zur ‚Frau’ gemacht. Das hieß für sie unter anderem:

– Keine eigene Sexualität haben dürfen – dafür die Sexualität der Männer als Brutalität erleben.

– Keine eigene Aktivität entwickeln dürfen – also z.B. nicht einen Beruf, sondern einen Mann suchen müssen.

– Keine eigene Verfügung über ihren Körper haben dürfen – denn so wie der Ehemann ihr Schwangerschaften aufzwang, veranlasste er auch eine Abtreibung nach der anderen, ob sie die Kinder nun wollte oder nicht.

Was macht eine Frau, wenn sie merkt, dass sie ihr Leben, so wie es ist, nicht mehr aushält?

Sie versucht, sich scheiden zu lassen.

Die Antwort darauf, ist der Versuch des Mannes[,] sie zu vergiften.

BEVOR DER MANN SIE ALS SEIN EIGENTUM VERLIERT, WILL ER SIE LIEBER TÖTEN.

So wird das Leben für beide Frauen zu einer unerträglichen

STÄNDIGEN NOTWEHRSITUATION

Wenn der Justizapparat und die Presse diese Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen wollen, haben sie nicht das Recht, über Frauen zu richten bzw. zu schreiben.

Für uns Frauen gibt es daher nur eine Konsequenz aus diesem Prozess, der zu einer Farce wird, da er den gesamten Lebenszusammenhang zweier Frauen total negiert: nämlich

DIE FORDERUNG NACH FREISPRUCH[3]

 

 

Frauendemonstration in Frankfurt/Main gegen den Prozess in Itzehoe 1974 (Foto: Der Stern??)

 

Frauenprotest auf der Straße …und im Gerichtssaal

Während des Prozesses führten Frauen der HAWFrauengruppe zusammen mit Frauen aus dem Frauenzentrum Berlin sowie Frauen aus Hamburg und anderen Städten am 16. September 1974 eine Demonstration vor dem Gericht in Itzehoe und im Gerichtsaal selbst durch: Sie erhoben sich von den Zuschauerbänken, öffneten ihre Jacken, unter denen jede einen Teil eines Spruchbandes in den Saal mitgebracht hatte. Zu lesen war die Parole ‚Gegen geile Presse – für lesbische Liebe’. Außerdem wurden weitere Slogans skandiert. Die Vertreter des Gerichts waren perplex – hektisch wurden die angeklagten Frauen aus dem Saal gebracht und das Gericht floh mit wehenden Roben. Die Aktion sorgte für Furore.

Dieser Protest erforderte viel Mut: Die Beteiligten ‚outeten’ sich selbst damit bundesweit (wie das Foto der BILD-Zeitung beweist), riskierten Prügel durch die Ordnungskräfte und obendrein Strafen wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht. Eine Teilnehmerin berichtete:

„20 Frauen mussten sich aufeinander verlassen können; zum größten Teil kannten wir uns gar nicht. Vor, nach und während der Aktion bewiesen wir einen solchen Zusammenhalt, ohne den die nötige Stärke nicht hätte aufkommen und bestehen können.

Denn wir hatten Angst. Allesamt. Angst vor einer noch nie erlebten Situation, Angst vor möglichen Folgen: Bullen, die schlagen, Festnahme, Knast (und somit negative Auswirkungen für die Zukunft, z.B. als Beamtin).“[4]

 

BILD-Titelseite vom 17. September 1974 zum Protest im Gerichtssaal in Itzehoe

 

Schlagzeile der ?? am 17. September 1974 zum Protest im Gerichtssaal in Itzehoe.

 

Weitere Pressehetze und Protest beim Presserat

Zwar hatten wir uns bereits im Jahr vor dem Prozess gegen die Serie der BILD-Zeitung gewehrt, mussten aber erkennen, dass nun auch die anderen Publikationen des <Springer-Verlags> die Kampagne gegen Lesben weiterführten: „Lesbische Verstrickung“ (<Die Welt>), „Abgründe sexueller Verwirrung“ (<Hamburger Abendblatt>), „Bei leiser Musik liebten sie sich ununterbrochen…“ (<Münchner Abendblatt>)

Aber jetzt 1974 hatten wir im Frauenzentrum Berlin bereits die Mediengruppe, einen Zusammenschluss von engagierten Berliner Journalistinnen. Diese Gruppe erreichte, dass 146 Journalistinnen und 41 männliche Kollegen in einer Petition vom 5. September 1974 den <Deutschen Presserat> aufforderten, die „Publikationen des Springerverlages […] wegen ihrer Sensationsberichterstattung über diesen Prozess zu rügen“, was er dann auch tat.

Der Protest der Lesbengruppen und Frauenzentren setzte sich bundesweit fort. So beklagte die <Kassler Frauengruppe> in einem Flugblatt:

„Das Gericht arbeitet einer solchen Berichterstattung in die Hände, indem es:

– die Öffentlichkeit zu keiner Zeit ausschließt

– uneingeschränkte Fotografiererlaubnis gewährt

– zwar Liebesbriefe ausführlich verlesen lässt,

aber nicht alle Zeugenaussagen berücksichtigt.

Wir meinen, dass man auf solche Weise alle homosexuellen Frauen zu Schreckensbildern machen will. Wir erinnern daran, dass schon immer versucht wurde, die Bevölkerung gegen Minderheiten aufzuhetzen, um von Missständen abzulenken […]. Die Prinzipien von Ehe und Familienordnung sind aus vielen Gründen fragwürdig geworden, und auch homosexuelle Frauen scheinen diese Ordnung in Frage zu stellen. Erwecken sie deshalb Unsicherheit und Ablehnung?“.

Das <Frauenzentrum Frankfurt> nahm in einem zweiseitigen Flugblatt Stellung zur Urteilsbegründung am 1. Oktober 1974:

„Der Richter sagt: Der Ekel und die Hassgefühle, die Frau Ihns für ihren Mann empfand, kommen nicht aus der kaputten Ehe, sondern aus der Beziehung zwischen den beiden Frauen.

Das heißt: Wenn ihr euch von Männern brutal behandelt und vergewaltigt fühlt, stimmt bei euch was nicht. Wehe aber, wenn ihr in die Hände einer verführerischen Lesbierin fallt, dann verkehren sich eure natürlichen Empfindungen in perversen Männerhass. […] Wenn dein Freund dich in deiner Wohnung vergewaltigt, wird dir kein Gericht helfen. Über diese Gewalt muss man reden, wenn man über Gewalt von Frauen gegen ihre Ehemänner zu Gericht sitzt.“

 

Schlagzeile der ?? vom ??. Oktober 1974 zur Urteilsverkündung im Prozess in Itzehoe.

 

Unsere Kampagne gegen die Diffamierung des Frauenpaares Ihns und Andersen hatte keine Wirkung auf das Gericht: Es gab keinen Freispruch, sondern lebenslange Haft für beide Frauen. Aber unsere Aktionen waren erste Schritte in Richtung auf jene Themen, die die Frauenbewegung die folgenden Jahrzehnte beschäftigen sollten:

 

  1. Wir wurden uns bewusst, welch vielfältigen Formen männlicher Gewalt Frauen in den Familien schutzlos ausgesetzt sind. Das Flugblatt des Frauenzentrums Frankfurt deckte auf, dass beide Frauen

„als Kinder vergewaltigt worden [sind], Judy mit vier, Marion mit neun Jahren. Beide sind als Kinder verprügelt worden. Judy musste als Kind mit ansehen, wie ihre Mutter Männer mit nach Hause brachte, von denen sie geschlagen und vergewaltigt wurde. Später versuchte Judy dann, ihre Mutter dagegen zu verteidigen. […] Um seine verletzte männliche Potenz zu beweisen, vergewaltigte Ihns seine Frau dreimal am Tag.“

 

  1. Die Frauenöffentlichkeit erlebte zum ersten Mal, wie ungleich die Gerichte Tötungsdelikte von Frauen und Männer wertet und dass bei der Verurteilung von Frauen strafmildernde Umstände oder gar eine Notwehrsituation bisher nie berücksichtigt worden waren. Es wäre interessant nachzuprüfen, ob sich in der Justiz ab 1975 ein Bewusstseinwandel in den Verurteilungen von Tötungsdelikten von Frauen ablesen lässt.

 

  1. Die Unterschriftensammlung der Mediengruppe vom Frauenzentrum Berlin für die Eingabe beim Presserat legte den Grundstein zu der bundesweiten Vernetzung von Medienfrauen. Dass damals eine Unterschrift zu diesem Thema Mut erforderte und nicht ohne Folgen für die Beteiligten blieb, berichtete <Magdalena Kemper> im Kapitel Mediengruppe. Diese Petition war für die vielen vereinzelten engagierten Journalistinnen der erste Anlass, bundesweit miteinander in Kontakt zu treten.

 

  1. Für viele Lesben in der Bundesrepublik war unsere Kampagne ein Auslöser, sich nun ebenfalls zu organisieren.

„Nach der Aktion bekamen wir einige Briefe, in denen Frauen schrieben, unser Einsatz in Itzehoe hätte sie dazu gebracht, ebenfalls eine Gruppe zu gründen. Sie hatten verstanden, dass sich Frauen bestimmte Sachen einfach nicht mehr bieten lassen sollten. Aber Diskriminierung kann man nur kollektiv angehen.”[5]

[1] Undatierter Bericht zitiert nach: Kuckuc, Ina (d.i. Kokula, Ilse): Der Kampf gegen Unterdrückung. Materialien aus der deutschen Lesbierinnenbewegung. München 1975, S. 76.

[2] Zitiert nach: Eine ist keine – gemeinsam sind wir stark. Dokumentation. Hrsg. von HAW- Frauengruppe Berlin 1974, S. 29 und 30.

[3] Das Flugblatt unterschrieben Frauengruppe der HAW Berlin, der <HAH Hamburg>, <Frauengruppe aus Hannover> und <Frauengruppe Hamburg>, <Frauengruppen aus München>, <Frauenzentren Berlin, Heidelberg und Frankfurt>, <Frauengruppen aus Köln und Münster>“

 

[4] Undatierter Bericht zitiert nach: Kuckuc, Ina (d.i. Kokula, Ilse): Der Kampf gegen Unterdrückung, a.a.O., S. 76.

[5] Undatierter Bericht zitiert nach: Kuckuc, Ina (d.i. Kokula, Ilse): Der Kampf gegen Unterdrückung, a.a.O., S. 76.

 

Lesbisches Aktionszentrum

Nach dem Umzug in eigene Räume[2] im April 1974 gab sich die Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) einen eigenen Namen: Lesbisches Aktionszentrum (LAZ). Sie signalisierten damit auch eine Trennung von der HAW-Männergruppe.

Separatismus

Eine Teilgruppe des LAZ pflegte nun die neugewonnene Identität, indem sie Lesbischsein als den einzig wahren Weg postulierte: Feminismus die Theorie – Lesbianismus die Praxis inspiriert durch das Buch von Jill Johnston[3].

Monne Kühn bewertet rückblickend:

Ich fand das toll, dass sich eine Frau traut, solche Ideen zu entwickeln, so was kann ja auch befreiend sein. Aber es in der Realität umzusetzen… wie ‚Schwulsein ist besser’ – gut als Provokation, aber ich wollte nicht, dass Frauen sich zu was zwingen. […] Es wurde hart diskutiert, es gab Kämpfe und Fronten. In der Zeit lernte ich, wie unterschiedlich man mit Unterschieden umgehen kann – und wie man Unterschiede aushalten kann, ohne Krieg zu machen – ein Kernthema der politischen Arbeit!

 

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Monne Kühn verfolgt die Diskussion beim Pfingsttreffen, Berlin 1975. Foto: M.S.

 

Da löste sich die älteren und berufstätiger Frauen und bildeten die Gruppe L74; sie trafen sich nun woanders, kamen aber zu den Festen und Pfingsttreffen dazu.

Monne Kühn:

Das LAZ war inzwischen ziemlich studentisch geprägt, aber aus dem Sub kamen viele Frauen mit ganz anderen Themen, viele lehnten unsere Umgangsformen ab. Dass man nur auf Matratzen sitzen konnte, war ihnen unangenehm. Viele waren berufstätig, wollten und konnten nicht so offensiv vorgehen, wie es das Bild an der Wand mit der riesigen Faust, die das Frauenzeichen sprengt, darstellt. Manche der Frauen waren sechzig und siebzig Jahre alt.

Der Unterschied wird deutlich an unseren Zeitungen: die L74 gaben Unsere kleine Zeitung (UkZ)[4] heraus und das LAZ die Lesbenpresse[5]. […]
Die Lesbenpresse wurde nach Westdeutschland, Dänemark, in die Schweiz und Österreich geliefert. Daraus entstand dann auch der Frauenbuchvertrieb und wir begannen Bücher und Artikel aus den USA zu übersetzen und herauszugeben.

 

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Monika Mengel, eine der Sängerinnen der Flying Lesbians und Gabriele Meixner, Mitgründerin des Amazonenverlag 1975 – beide prägten die damalige Lesbenkultur. (Foto: Cristina Perincioli)

 

Ilse Kokula zu Beginn in der HAW Frauengruppe aktiv, dann in der Gruppe L74 schreibt zur Gruppenbildung bereits 1975:

Die Weiterentwicklung im LAZ brachte eine zunehmende Verhärtung, eine Rechthaberei. Auf der einen Seite war es notwendig, neue Positionen zu erlangen. Aber es wurde sehr rigide gemacht, man fand es nicht mehr nötig, zu Neuen freundlich zu sein. Damals empfanden wir die Umwelt als extrem feindlich. Unsere Ängste wandelten wir in feurige Reden um, berauschten uns sozusagen an unseren Ideen: wie das Pfeifen im Walde.

Im LAZ waren etwa vierzig Frauen eingetragen und zehn aktiv. Für eine so kleine Gruppe brachten wir einiges zustande: Wir haben jedes Jahr die bundesweiten Pfingsttreffen organisiert, zwei Filme gemacht, Rundfunkinterviews, die HAW-Dokumentation[6], später die Zeitung Lesbenpresse, Aktionen gegen die Kampagne der Springerpresse[7] und zum Prozess in Itzehoe, den Betrieb im Zentrum aufrechterhalten mit wöchentlichem Plenum und vielen Festen.[8]

 

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Pfingsttreffen 1975  Foto: M.S. Noch ist die Lebsenbewegung radikal, siehe die aktive Faust!
Auch nach dem Umzug in eigene Räume, sassen wir weiter auf Matratzen… wie auch im Frauenzentrum. Diese „Möblierung“ erlaubte keine Hierarchie, es gabe keine „Vorsitzende“ und ohne Tische konnte man auch nicht seine „Papiere“ ausbreiten – ganz wichtig bei den dogmatischen Linken!

 

Pragmatismus statt Gesellschaftskritik

Ich fragte Ilse Kokula, ob der Pragmatismus der heutigen Schwulen- und Lesbenbewegung nicht etwas weit gehe: Damals wollten wir die Familie zerschlagen und heute setzen sich Schwule und Lesben stark für die Homo-Ehe ein. Ilse Kokula antwortete mir auf meine Frage 1996:

Wir wollen die soziale und juristische Anerkennung einer Partnerschaft. Was das Heiraten betrifft: damals haben wir uns in studentischen Kreisen bewegt, die alle gegen die Ehe waren. Während heute selbst meine besten Heterofreundinnen, die sich achtzehn Jahre der Ehe verweigerten, jetzt heiraten.

Aus der sozialen Bewegung mit globalen Zielen sind jetzt lauter ‚single purpose movements’ entstanden, Verbände, die nur ein Ziel erreichen wollen, also Durchsetzung der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, oder Förderung des Lesben-Sports. Man ist sozusagen eine Etage runter und guckt auf der pragmatischen Ebene.

Vorher hatten wir die großen Ziele im Auge und die Verbesserung des Alltags vergessen. Schade, denn ich finde eine feministisch sozialistische Perspektive schon wichtig. Wenn ich den Konkurrenzdruck sehe zum Beispiel in der Lesbenforschung: da ist wieder das Element ‚ich bin die Beste, ich weiß es besser’ – der Blick nach vorne, das Gesellschaftsanalytische ist weg. Das find ich schade. Dagegen hatten wir in den ersten Jahren den Zusammenhang im Blick.

Die Bewegung ist heute sehr viel größer, wenn auch pragmatischer und leiser. Damals haben wir uns kaum mit unserem Namen exponiert, während heute, auch wenn es nicht laut ist, bist du doch angestellt in einem Lesbenprojekt, das ist dann per se festgeschrieben in deiner Berufskarriere, Eltern werden gefragt: ‚ja wo arbeitet sie denn?’.

Wir wollten immer offen sein, haben es aber nicht geschafft. Damals bestand die Lesbengruppe laut Protokoll aus ‚Hilde’, ‚Eva’ und ‚Lisa’. Wenn du heute an eine Behörde schreibst, dann musst du mit vollem Namen unterschreiben und bleibst so ewig in den Akten. Wenn ich mir die lesbischen Polizistinnen ansehe in Berlin-Brandenburg oder Hamburg, die sind im Alltag offen, organisiert und ge-outet! Das gab’s damals nicht.

 

Die Lesbe – ein Konstrukt?

Eva Rieger, zu Beginn in der HAW Frauengruppe, dann in der Gruppe L74 aktiv nimmt sich dieser Frage an:

In Ariadne[10] ist [1996] ein Aufsatz erschienen, wo Andrea Bührmann die gesamte Lesbenforschung und speziell meine Definition einer Lesbe kritisiert und eigentlich auch lächerlich macht. Es wird gesagt, im Zeitalter der Postmoderne ist es nicht möglich, DIE Lesbe zu definieren, genauso wenig, wie man DIE Frau oder DEN Mann definieren könne, das wäre eine Pauschalisierung, eine Ontologisierung letztendlich.

Sie bezieht sich auf Judith Butler[11], tut so modern und sagt, dass wir die Lesbe stilisiert hätten zu einem zentralen Widerstandsmodell gegen das Patriarchat. Das klingt aus heutiger Sicht auch furchtbar altmodisch. Diese Frauen berufen sich auf Claudia Honegger (Die Ordnung der Geschlechter[12]) – und Thomas Lacqeur[13], die historisch nachweisen, dass die Zweigeschlechtlichkeit erst Ende des 18. Jahrhunderts ausgeprägt wurde, dass es davor mehr die Vorstellung von Eingeschlechtlichkeit gab, dass diese binäre Wahrnehmung von männlich-weiblich auch gesellschaftlich bezogen ist und auch erst damals aufkam. Das ist alles richtig, dennoch meine ich, darf man die historische Wichtigkeit von bestimmten Schritten nicht übersehen.

Wir waren der Meinung, dass es eine lesbische Identität geben muss. Wenn wir doch von der Gesellschaft abgekanzelt werden als abartig und pervers und als nicht existent, dann müssen wir im Gegenzug erstmal existent werden. Das war historisch ein wichtiger Schritt![14]

Heute sind die Ängste auf subtilerer Ebene. Das haben mir jüngere Studentinnen gesagt. Sie sagen, wir kriegen zwar die Literatur und man kann darüber sprechen, aber die Repression seitens des Elternhauses ist doch genauso da, wir müssen uns genauso unser Coming Out erstreiten und glaubt ja nicht, dass nur Ihr die Kämpferinnen gewesen seid.

 

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Christiane Härdel, Pfingsten 1975  Foto: M.S.

 

Lesben sind die Macherinnen

Die ersten Frauenprojekte in Berlin kamen alle aus der Lesbenbewegung: Zuerst entstand die Frauenkneipe Blocksberg, dann die Frauenrockband Flying Lesbians, ein Frauenbuchladen und ein Frauenbuchvertrieb, das Selbstverteidigungszentrum für Frauen – alle diese für die Frauenbewegung beispielgebenden Projekte wurden in Berlin von Lesben gegründet und geführt. Treibende Kraft waren Lesben auch in den ersten Projekten die aus dem Frauenzentrum Berlin heraus entstanden: Frauengesundheitszentrum, (Therapiezentrum für Frauen PSIFF), Frauenhaus, Notruf für vergewaltigte Frauen. Die offensichtliche Vorreiterrolle, die Lesben auch im Frauenzentrum einnahmen, führte dazu, dass sich heterosexuelle Frauen unter Druck gesetzt fühlten. Beziehungen zu Männern mussten Frauen, wenn nicht vor ihren Freundinnen, doch vor sich selbst rechtfertigen, was mitunter schwer fiel – angesichts des oft extrem brutalen Verhaltens von Männern, mit dem wir in vielen Arbeitsbereichen (Notruf, Frauenhaus, PSIFF, Medizin, Justiz) damals konfrontiert wurden.

 

[1] Claus-Ferdinand Siegfried

[2] Ein Fabrikgebäude in der Kulmerstrasse 20a 3.Hof 2.Stock

[3] Johnston, Jill: Lesbian Nation: The Feminist Solution, New York, 1973. 1969-1972 in der The Village Voice publiziert.

[4] Unsere kleine Zeitung (UkZ), Berlin, 1975-2001

[5] Lesbenpresse, Berlin, 1975-1982

[6] Eine ist keine – gemeinsam sind wir stark. Dokumentation. Hrsg. Von HAW-Frauengruppe. Berlin 1974.

[7] Vgl. Kapitel Hexenjagd

[8] Einen Überblick über die Arbeit der HAW-Lesbengruppe findet sich in Kuckuc, Ina (d.i. Kokula, Ilse): Der Kampf gegen Unterdrückung. Materialien aus der deutschen Lesbierinnenbewegung München 1975. Das Zitat findet sich auf S. 63.

[10] Bührmann, Andrea Dorothea: Ist eine „Lesbe“ eine „Lesbe“? Anmerkungen zur Lesbenforschung angesichts der erkenntnistheoretischen Herausforderungen des Dekonstruktivismus. In: Ariadne – Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung 11 (1996) 29, S. 60-67.

[11] Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M. 1991.

[12] Vgl. Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter.: Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib. 1750-1850. Frankfurt a.M./New York 1991.

[13] Vgl. Lacqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt a.M./New York 1992.

[14] In einem Gespräch 2014 stellte Eva Rieger mir gegenüber fest, dass es damals richtig gewesen sei, auf dem Lesbenbegriff zu bestehen, um überhaupt sichtbar zu werden. Ihrer Ansicht nach sei es zudem heute genauso wichtig, die Historizität des Begriffs zu sehen und ihn zu hinterfragen. Vgl. auch Rieger, Eva: Vorschlag: Schafft die Lesbe ab!. In: EMMA 1 (2010), S. 144.

Bewegungslesben

Lesben als Vorbilder

– wer hätte dies für möglich gehalten!

In der heutigen Literatur über die neue Frauenbewegung wird die Lesbenbewegung ganz selbstverständlich als ‚Ableger’ der Frauenzentren dargestellt. In Berlin funktionierte es jedenfalls andersherum: Lesben aus der Homosexuellen Aktion (HAW) riefen zur Gründung des Frauenzentrums auf und brachten auch die kulturevolutionäre Erfahrung mit.[0]

Lesben hatten bereits eine schmerzhafte Identitätsfindung hinter sich, etwas, was den feministischen Frauen, die sich auf Männer bezogen, noch bevorstand. Die Frauengruppe der HAW hatten gezeigt, dass sich Frauen autonom organisieren und politisch agieren können – ohne das Dach eines Verbandes.

Zu Beginn trat das Frauenzentrum Berlin vor allem mit Aktionen zum Abtreibungsverbot §218 in die Öffentlichkeit, wie sie damals in vielen Städten üblich waren. Außergewöhnlich dagegen war die explizite Solidarisierung der Lesben der HAW, die sie in einem Flugblatt, das sie in den Frauenbars verteilten, und in einem Redebeitrag während eines Teach-ins in der zum Ausdruck brachten:

Schwule[1] Frauen sind in erster Linie Frauen. Und der § 218 betrifft alle Frauen. Er entmündigt alle Frauen […] Die patriarchalische Gesellschaft beruht nicht zuletzt auf der totalen sexuellen und wirtschaftlichen Ausbeutung der Frau. […] Die bürgerliche Familie, die den Nachschub für die Produktion sichert, anzugreifen, heißt, die bestehende Gesellschaft an der Wurzel zu packen.

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‚Schwulsein ist besser’ als Parole gegen das Abtreibungsverbot auf einer Demonstration in Berlin 1973. Foto: Cristina Perincioli

Gisela Necker, eine der Älteren in der HAW profitierte von dem direkten Ideenaustausch zwischen HAW und Frauenzentrum, wie sie hier berichtet:

Dass ich als Frau ganz schön unterdrückt bin, dazu hat mich später erst die Frauenbewegung sensibilisiert, nicht die Lesbenbewegung; dass es eine Zumutung ist, wenn mir Männer nachpfeifen. Zuvor hatte ich das als Schicksal hingenommen.
Erst diese Sensibilisierung bewirkte, dass ich mich als Frau angenommen habe. Dass ich es gut fand, eine Frau zu sein, lernte ich erst Mitte vierzig. Ich erkannte, dass Männer schlechter dran sind wegen ihrem Leistungsdruck. Bis dahin hatte ich sie beneidet. Jetzt verstand ich, dass Leistung und Beruf nicht alles sind.
Und ich lernte, von dieser aktive Rolle runter zu kommen, jener ‚Kessen Vater-Manier’. Das war ein ziemlicher Schritt in meinem Leben zu erkennen, dass ich durchaus eine feminine, weiche Seite an mir habe, die ich früher versteckt hatte, grade auch im Sexuellen und die konnte ich jetzt zulassen.

Andere Frauenzentren belastete das nachträgliche Coming-out ihrer lesbischen Mitschwestern, die nun Beachtung ihrer Probleme einforderten und bei den heterosexuellen Frauen Angst, Schuldgefühle, Peinlichkeit und Ratlosigkeit hervorriefen. Schon die Selbstbezeichnung als ‚Lesben’ löste Irritationen aus, –schließlich wurden damals Frauen, die aus einer Frauenzentrumstüre traten, oft als ‚Lesben’ beschimpft, und das Wort von Männern auch gerne dazu benutzt, um eine aufmüpfige Frau mundtot zu machen. Und nun hatten die Frauenzentren Lesben nachweislich in ihren eigenen Reihen!

Hinzu kam, dass manche der Lesben, sobald sie sich in einer eigenen Gruppe gefunden hatten, ihr Selbstbewusstsein auf der Basis von Abgrenzung zu heterosexuellen Frauen aufbauten. Besonders Konvertitinnen stürzten sich gerne in die Pose, radikaler, konsequenter zu leben als ihre heterosexuellen Schwestern. Dies sorgte für Streit und Frustration in vielen Frauenzentren Westdeutschlands. Wie stand es um diesen Konflikt im Berliner Frauenzentrum?

Cristina Perincioli befragte drei der Aktivsten im Berliner Frauenzentrum hierzu:
– Kannst du dich an Kämpfe im Zentrum erinnern, weil die Lesben Druck gemacht haben?
Roswitha Burgard:  Nein, müsste ich aber doch? Ich kann mich auch an nichts dergleichen erinnern.
– Wie hast du uns Lesben, die im Frauenzentrum aktiv waren, empfunden?
– Spannend, machten mich neugierig, bisschen unheimlich. Weil ihr lebtet ja etwas, was ich wollte, mich aber noch nicht traute.“

Die Berliner Lesben hatten uns schon 1972 – ein Jahr vor der Gründung des Frauenzentrums ein eigenes Zentrum, die HAW, geschaffen, dort Erfahrungen in Aktionen, mit ‚conciousness raising’ (Selbsterfahrung) und in einer nicht hierarchischen, offenen Organisation gesammelt, aber vor allem Vertrauen in uns selbst und Offenheit gegenüber jeder Frau gewonnen. Waltraut Siepert, damals an beiden Orten aktiv, erinnerte sich:

Das war ja wie ein Paradies, ein bestimmtes Vertrauen war einfach da, ob wir die Frau nun kannten oder nicht, wir waren offen und haben uns gefreut über jede, die kam. Das war die Grundlage, weswegen wir das Frauenzentrum machen konnten, weil wir diese Erfahrung aus der HAW hatten. Am liebsten wollten wir die ganze Welt umarmen und wollten alles gleich verschenken. Und dann kam auch noch so eine Achtung dazu.

Monika Schmid, eine der Jüngsten im Frauenzentrum, empfand es so:

Von den Altlesben erfuhr ich vor allem Zuneigung, zu mir als Frau, sie lieben einfach Frauen und in dem Sinne lieben sie auch mich. Bei den Bewegungslesben[3] dagegen erfuhren wir nur Abgrenzung: Ich bin jetzt was Besseres als du!
Ich fühlt mich nicht gepresst dazu lesbisch zu werden, aber der Druck war vorhanden und führte zum Nachdenken: Wie stehst du zu Männern? Das war über Jahre virulent und hält bis heute an. Inzwischen baute ich Beziehungen auf zu Frauen, die so tief waren, wie ich bis heute nur einmal mit einem Mann kennen gelernt habe.

Fast alle heterosexuellen Bewegungsfrauen ließ der Widerspruch keine Ruhe, einerseits überall männliche Verhaltensweisen, Institutionen etc. anzugreifen und dann für die emotionalen und sexuellen Bedürfnisse nach der Frauengruppe zu einem Mann zurückzukehren. schrieb Anja Jovic damals im Kursbuch von 1974[4] :

Die Wortradikalität des Plenums stand damals auch in ziemlichem Widerspruch zur Wirklichkeit der meisten Frauen. Wir konnten uns kaum rational mit dem Anspruch auseinandersetzen, emotional unabhängig von Männern zu sein. Diesen Anspruch hatten die meisten von uns zwar in irgendeiner Weise, aber nur wenige Frauen konnten ihn erfüllen. Aus diesem Zustand heraus entstand dann auch wieder so etwas wie eine Hierarchie von konsequenten und inkonsequenten Feministinnen, was wir nach unseren früheren Erfahrungen mit dem Wettbewerb, wer der beste Kommunist ist, so sehr ablehnten, dass wir erst mal kaum in der Lage waren, es bei uns selbst wahrzunehmen. […]
Ich hatte die ganze Zeit über eine ziemlich stabile Beziehung zu einer Frau, die in einem ähnlichen Prozess steckte wie ich. Diese Beziehung bewegte sich in einem Zwischenstadium von Zärtlichkeit und Freundschaft, und wir haben uns oft sehr geholfen, all die Veränderungen in unseren Wertungen und Beziehungen zu verarbeiten. Auch zu anderen Frauen bekam ich spontaner und offener Kontakt als vorher und ich merkte, dass ich lernte, zugleich mit ihnen mich selbst zu akzeptieren. Aber ich hatte Angst, schwul[1] zu werden.

Roswitha Burgard:

Ich war in der Sexualitätsgruppe, wir übersetzten das Papier von Anne Koedt Der Mythos vom vaginalen Orgasmus das war damals umwälzend – der Mann wird überflüssig – eine solche Befreiung!
Ich war damals ja fest liiert mit meinem norwegischen Freund und die Frauen sagten: die Roswitha ist ja so radikal und dann lebt die noch mit einem Mann – das war wie ein Makel. Er war kein Macho, sondern ganz soft, ein Sympathisant; die Frauen in meiner WG akzeptierten ihn, und so wurde es mir einerseits erleichtert aber auch erschwert. Ein Hin- und Hergerissensein, ich war dann ja auch lange bisexuell.

Die Lesben wurden zunehmend stärker im Frauenzentrum, die bewunderte ich – für mich die Alternative überhaupt! (…) Was ich damals mit Frauen anstellte, war auch nicht immer so toll. Ich war halt neugierig auf Frauen, hab viel ausprobiert, aber wenn die was Längeres wollten, war ich nicht interessiert.

Manch eine Lesbe schwor sich damals, nie wieder Versuchsobjekt einer Heterofrau zu werden. Die Frauenrockband Flying Lesbians schrieb ein kritisches Lied dazu: die Bisexualität.

Roswithas Geschichte geht aber weiter:

Schließlich aber verliebte ich mich in Birthe, so heftig wie ich das von Männerbeziehungen kannte, und von da an war es für mich klar.
Ja, es war ein langer Weg zu den Lesben!

 

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vlnr stehend: Cillie Rentmeister, Monne Kühn, Roswitha Burgard und Freundin Birthe Marker (ebenfalls blond) sowie Biggi Wilpert, davor in der Hocke: Cristina Perincioli, Monika Schmid anlässlich einer Winterreise nach Franken 1973/74. Foto: M.S.

 

Lesben als Hexen

Die zunehmende Sichtbarkeit sowohl von Lesben als auch von Lesbengruppen in der Öffentlichkeit ging mit deren vehementen Verunglimpfung in der zeitgenössischen Presse – insbesondere in der BILD-Zeitung, aber auch in der Zeitschrift Quick – einher.

 

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Die Springer-Presse schlug die angeblich „grausamen lesbischen Frauen“, meinte vermutlich die Feministinnen. Die Kampagne fiel genau mit der Gründung der ersten Frauenzentren in Berlin und Frankfurt zusammen. In diesen Zentren gab es zwar Beratung und Kampagnen zum §218, doch stellten die Feministinnen längst auch andere gesellschaftliche Regelungen in Frage. In Selbsterfahrungsgruppen hatte wir unseren Blick geschärft – hier erkannten wir beispielhaft ‚das Private ist politisch’!

 

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Aus Protest gegen die Artikelserie der BILD-Zeitung im Frühjahr 1973 verteilten wir auf sieben zentralen Plätzen Berlins 10.000 Flugblätter – wir waren 50 Frauen, davon kamen 15 aus der HAW und 35 aus dem Frauenzentrum – obgleich das Frauenzentrum im März 1973 erst in Gründung war. Foto: Cristina Perincioli

 

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Hier im Beitrag Hexenjagd sind die Flugblätter zu der Springer-Kampagne in Gänze abgedruckt. Darin benannten wir zum ersten Mal öffentlich, was die diffamierten Frauen – sowie viele andere Frauen – erlitten hatten: Sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung in der Ehe und häusliche Gewalt. Marion Ihns beispielsweise hatte quasi in Notwehr gehandelt, wurde aber mit Lebenslänglich bestraft.

Das Bemerkenswerte an dem Itzehoe-Prozess ist, dass sich die feministische Frauenbewegung während der Protestaktionen mit den Lesbierinnen solidarisierte und die oben genannten Tabu-Themen auf ihre Agenda setzen, um sie in den folgenden zehn Jahren anzugehen.[0]

[0] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.124 ff. selbst gekürzt.
[1]‚Schwul’ war in den 1970er Jahren der für Männer und auch für Frauen verwendete Begriff für homosexuell..
[2] Als ‚Bewegungslesben’ gelten heterosexuell lebende Frauen, die sich erst in der Frauenbewegung lesbisch orientierten.
[3] Jovic, Anja: Ich war getrennt von mir selbst…. In: Kursbuch 37/1974, „Verkehrsformen, Bd. 2: Emanzipation in der Gruppe und die ‚Kosten’ der Solidarität, S. 67-83