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Bewegungslesben

Lesben als Vorbilder

– wer hätte dies für möglich gehalten!

In der heutigen Literatur über die neue Frauenbewegung wird die Lesbenbewegung ganz selbstverständlich als ‚Ableger’ der Frauenzentren dargestellt. In Berlin funktionierte es jedenfalls andersherum: Lesben aus der Homosexuellen Aktion (HAW) riefen zur Gründung des Frauenzentrums auf und brachten auch die kulturevolutionäre Erfahrung mit.[0]

Lesben hatten bereits eine schmerzhafte Identitätsfindung hinter sich, etwas, was den feministischen Frauen, die sich auf Männer bezogen, noch bevorstand. Die Frauengruppe der HAW hatten gezeigt, dass sich Frauen autonom organisieren und politisch agieren können – ohne das Dach eines Verbandes.

Zu Beginn trat das Frauenzentrum Berlin vor allem mit Aktionen zum Abtreibungsverbot §218 in die Öffentlichkeit, wie sie damals in vielen Städten üblich waren. Außergewöhnlich dagegen war die explizite Solidarisierung der Lesben der HAW, die sie in einem Flugblatt, das sie in den Frauenbars verteilten, und in einem Redebeitrag während eines Teach-ins in der zum Ausdruck brachten:

Schwule[1] Frauen sind in erster Linie Frauen. Und der § 218 betrifft alle Frauen. Er entmündigt alle Frauen […] Die patriarchalische Gesellschaft beruht nicht zuletzt auf der totalen sexuellen und wirtschaftlichen Ausbeutung der Frau. […] Die bürgerliche Familie, die den Nachschub für die Produktion sichert, anzugreifen, heißt, die bestehende Gesellschaft an der Wurzel zu packen.

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‚Schwulsein ist besser’ als Parole gegen das Abtreibungsverbot auf einer Demonstration in Berlin 1973. Foto: Cristina Perincioli

Gisela Necker, eine der Älteren in der HAW profitierte von dem direkten Ideenaustausch zwischen HAW und Frauenzentrum, wie sie hier berichtet:

Dass ich als Frau ganz schön unterdrückt bin, dazu hat mich später erst die Frauenbewegung sensibilisiert, nicht die Lesbenbewegung; dass es eine Zumutung ist, wenn mir Männer nachpfeifen. Zuvor hatte ich das als Schicksal hingenommen.
Erst diese Sensibilisierung bewirkte, dass ich mich als Frau angenommen habe. Dass ich es gut fand, eine Frau zu sein, lernte ich erst Mitte vierzig. Ich erkannte, dass Männer schlechter dran sind wegen ihrem Leistungsdruck. Bis dahin hatte ich sie beneidet. Jetzt verstand ich, dass Leistung und Beruf nicht alles sind.
Und ich lernte, von dieser aktive Rolle runter zu kommen, jener ‚Kessen Vater-Manier’. Das war ein ziemlicher Schritt in meinem Leben zu erkennen, dass ich durchaus eine feminine, weiche Seite an mir habe, die ich früher versteckt hatte, grade auch im Sexuellen und die konnte ich jetzt zulassen.

Andere Frauenzentren belastete das nachträgliche Coming-out ihrer lesbischen Mitschwestern, die nun Beachtung ihrer Probleme einforderten und bei den heterosexuellen Frauen Angst, Schuldgefühle, Peinlichkeit und Ratlosigkeit hervorriefen. Schon die Selbstbezeichnung als ‚Lesben’ löste Irritationen aus, –schließlich wurden damals Frauen, die aus einer Frauenzentrumstüre traten, oft als ‚Lesben’ beschimpft, und das Wort von Männern auch gerne dazu benutzt, um eine aufmüpfige Frau mundtot zu machen. Und nun hatten die Frauenzentren Lesben nachweislich in ihren eigenen Reihen!

Hinzu kam, dass manche der Lesben, sobald sie sich in einer eigenen Gruppe gefunden hatten, ihr Selbstbewusstsein auf der Basis von Abgrenzung zu heterosexuellen Frauen aufbauten. Besonders Konvertitinnen stürzten sich gerne in die Pose, radikaler, konsequenter zu leben als ihre heterosexuellen Schwestern. Dies sorgte für Streit und Frustration in vielen Frauenzentren Westdeutschlands. Wie stand es um diesen Konflikt im Berliner Frauenzentrum?

Cristina Perincioli befragte drei der Aktivsten im Berliner Frauenzentrum hierzu:
– Kannst du dich an Kämpfe im Zentrum erinnern, weil die Lesben Druck gemacht haben?
Roswitha Burgard:  Nein, müsste ich aber doch? Ich kann mich auch an nichts dergleichen erinnern.
– Wie hast du uns Lesben, die im Frauenzentrum aktiv waren, empfunden?
– Spannend, machten mich neugierig, bisschen unheimlich. Weil ihr lebtet ja etwas, was ich wollte, mich aber noch nicht traute.“

Die Berliner Lesben hatten uns schon 1972 – ein Jahr vor der Gründung des Frauenzentrums ein eigenes Zentrum, die HAW, geschaffen, dort Erfahrungen in Aktionen, mit ‚conciousness raising’ (Selbsterfahrung) und in einer nicht hierarchischen, offenen Organisation gesammelt, aber vor allem Vertrauen in uns selbst und Offenheit gegenüber jeder Frau gewonnen. Waltraut Siepert, damals an beiden Orten aktiv, erinnerte sich:

Das war ja wie ein Paradies, ein bestimmtes Vertrauen war einfach da, ob wir die Frau nun kannten oder nicht, wir waren offen und haben uns gefreut über jede, die kam. Das war die Grundlage, weswegen wir das Frauenzentrum machen konnten, weil wir diese Erfahrung aus der HAW hatten. Am liebsten wollten wir die ganze Welt umarmen und wollten alles gleich verschenken. Und dann kam auch noch so eine Achtung dazu.

Monika Schmid, eine der Jüngsten im Frauenzentrum, empfand es so:

Von den Altlesben erfuhr ich vor allem Zuneigung, zu mir als Frau, sie lieben einfach Frauen und in dem Sinne lieben sie auch mich. Bei den Bewegungslesben[3] dagegen erfuhren wir nur Abgrenzung: Ich bin jetzt was Besseres als du!
Ich fühlt mich nicht gepresst dazu lesbisch zu werden, aber der Druck war vorhanden und führte zum Nachdenken: Wie stehst du zu Männern? Das war über Jahre virulent und hält bis heute an. Inzwischen baute ich Beziehungen auf zu Frauen, die so tief waren, wie ich bis heute nur einmal mit einem Mann kennen gelernt habe.

Fast alle heterosexuellen Bewegungsfrauen ließ der Widerspruch keine Ruhe, einerseits überall männliche Verhaltensweisen, Institutionen etc. anzugreifen und dann für die emotionalen und sexuellen Bedürfnisse nach der Frauengruppe zu einem Mann zurückzukehren. So schrieb Anja Jovic damals im Kursbuch von 1974[4] :

Die Wortradikalität des Plenums stand damals auch in ziemlichem Widerspruch zur Wirklichkeit der meisten Frauen. Wir konnten uns kaum rational mit dem Anspruch auseinandersetzen, emotional unabhängig von Männern zu sein. Diesen Anspruch hatten die meisten von uns zwar in irgendeiner Weise, aber nur wenige Frauen konnten ihn erfüllen. Aus diesem Zustand heraus entstand dann auch wieder so etwas wie eine Hierarchie von konsequenten und inkonsequenten Feministinnen, was wir nach unseren früheren Erfahrungen mit dem Wettbewerb, wer der beste Kommunist ist, so sehr ablehnten, dass wir erst mal kaum in der Lage waren, es bei uns selbst wahrzunehmen. […]
Ich hatte die ganze Zeit über eine ziemlich stabile Beziehung zu einer Frau, die in einem ähnlichen Prozess steckte wie ich. Diese Beziehung bewegte sich in einem Zwischenstadium von Zärtlichkeit und Freundschaft, und wir haben uns oft sehr geholfen, all die Veränderungen in unseren Wertungen und Beziehungen zu verarbeiten. Auch zu anderen Frauen bekam ich spontaner und offener Kontakt als vorher und ich merkte, dass ich lernte, zugleich mit ihnen mich selbst zu akzeptieren. Aber ich hatte Angst, schwul[1] zu werden.

Roswitha Burgard:

Ich war in der Sexualitätsgruppe, wir übersetzten das Papier von Anne Koedt Der Mythos vom vaginalen Orgasmus das war damals umwälzend – der Mann wird überflüssig – eine solche Befreiung!
Ich war damals ja fest liiert mit meinem norwegischen Freund und die Frauen sagten: die Roswitha ist ja so radikal und dann lebt die noch mit einem Mann – das war wie ein Makel. Er war kein Macho, sondern ganz soft, ein Sympathisant; die Frauen in meiner WG akzeptierten ihn, und so wurde es mir einerseits erleichtert aber auch erschwert. Ein Hin- und Hergerissensein, ich war dann ja auch lange bisexuell.

Die Lesben wurden zunehmend stärker im Frauenzentrum, die bewunderte ich – für mich die Alternative überhaupt! (…) Was ich damals mit Frauen anstellte, war auch nicht immer so toll. Ich war halt neugierig auf Frauen, hab viel ausprobiert, aber wenn die was Längeres wollten, war ich nicht interessiert.

Manch eine Lesbe schwor sich damals, nie wieder Versuchsobjekt einer Heterofrau zu werden. Die Frauenrockband Flying Lesbians schrieb ein kritisches Lied dazu: die Bisexualität.

Roswithas Geschichte geht aber weiter:

Schließlich aber verliebte ich mich in Birthe, so heftig wie ich das von Männerbeziehungen kannte, und von da an war es für mich klar.
Ja, es war ein langer Weg zu den Lesben!

 

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vlnr stehend: Cillie Rentmeister, Monne Kühn, Roswitha Burgard und Freundin Birthe Marker (ebenfalls blond) sowie Biggi Wilpert, davor in der Hocke: Cristina Perincioli, Monika Schmid anlässlich einer Winterreise nach Franken 1973/74. Foto: M.S.

 

Lesben als Hexen

Die zunehmende Sichtbarkeit sowohl von Lesben als auch von Lesbengruppen in der Öffentlichkeit ging mit deren vehementen Verunglimpfung in der zeitgenössischen Presse – insbesondere in der BILD-Zeitung, aber auch in der Zeitschrift Quick – einher.

 

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Die Springer-Presse schlug die angeblich „grausamen lesbischen Frauen“, meinte vermutlich die Feministinnen. Die Kampagne fiel genau mit der Gründung der ersten Frauenzentren in Berlin und Frankfurt zusammen. In diesen Zentren gab es zwar Beratung und Kampagnen zum §218, doch stellten die Feministinnen längst auch andere gesellschaftliche Regelungen in Frage. In Selbsterfahrungsgruppen hatte wir unseren Blick geschärft – hier erkannten wir beispielhaft ‚das Private ist politisch’!

 

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Aus Protest gegen die Artikelserie der BILD-Zeitung im Frühjahr 1973 verteilten wir auf sieben zentralen Plätzen Berlins 10.000 Flugblätter – wir waren 50 Frauen, davon kamen 15 aus der HAW und 35 aus dem Frauenzentrum – obgleich das Frauenzentrum im März 1973 erst in Gründung war. Foto: Cristina Perincioli

 

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Hier im Beitrag Hexenjagd sind die Flugblätter zu der Springer-Kampagne in Gänze abgedruckt. Darin benannten wir zum ersten Mal öffentlich, was die diffamierten Frauen – sowie viele andere Frauen – erlitten hatten: Sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung in der Ehe und häusliche Gewalt. Marion Ihns beispielsweise hatte quasi in Notwehr gehandelt, wurde aber mit Lebenslänglich bestraft.

Das Bemerkenswerte an dem Itzehoe-Prozess ist, dass sich die feministische Frauenbewegung während der Protestaktionen mit den Lesbierinnen solidarisierte und die oben genannten Tabu-Themen auf ihre Agenda setzen, um sie in den folgenden zehn Jahren anzugehen.[0]

[0] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.124 ff. selbst gekürzt.
[1]‚Schwul’ war in den 1970er Jahren der für Männer und auch für Frauen verwendete Begriff für homosexuell..
[2] Als ‚Bewegungslesben’ gelten heterosexuell lebende Frauen, die sich erst in der Frauenbewegung lesbisch orientierten.
[3] Jovic, Anja: Ich war getrennt von mir selbst…. In: Kursbuch 37/1974, „Verkehrsformen, Bd. 2: Emanzipation in der Gruppe und die ‚Kosten’ der Solidarität, S. 67-83