Ingrid Schmidt-Harzbach

Podium mit Ingrid Schmid-Harzbach und Kitty Kuse
Foto: Anke-Rixa Hansen

Ingrid Schmidt-Harzbach (2.v.r.) mit Kitty Kuse von L74 (2. v.l.) zusammen auf einem Podium – vermutlich an einer Sommeruni.

Die taz druckte am 12.10.1991 den Nachruf ab:

 

Sie war eine leidenschaftliche Zeitgenossin

■ Gestern nahmen in Berlin 200 Menschen Abschied von Ingrid Schmidt-Harzbach/ Die Frauenforscherin hatte sich am 23. September das Leben genommen/ Die Filmemacherin und Schriftstellerin Helke Sander hielt diese Trauerrede

 

Liebe Freunde und Freundinnenvon Ingrid,

am Mittwoch bog ich auf die Hamburger Autobahn ein und sah dort eine Frau, die nach Berlin trampen wollte. Ich erkannte sie und hielt an. — Willst du auch zur Beerdigung, fragte sie, und es mußte nicht darüber gesprochen werden, welche Beerdigung sie meinte. Die Tatsache, daß soviele Leute gekommen sind, um Ingrid zu verabschieden, verdankt sich ja nicht irgendeiner äußeren Verpflichtung, sondern einzig Ingrids Fähigkeit, so viele Leute in ihren Bann zu ziehen. Sie kannte alle und alle kannten sie und freuten sich über ihre Anwesenheit. Wo sie auftauchte, war sozusagen der Abend gerettet. Sie verbreitete um sich ein Gefühl von Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit, das niemanden ausschloß. Mit ihrer vorbehaltlosen Neugierde anerkannte sie andere als etwas Großartiges, immer wert, aus ihnen etwas für sich selbst zu ziehen.

Jetzt, wo sie tot ist und wir darüber nachdenken, was Ingrid uns bedeutet hat, scheint mir, daß es eine große Sicherheit war zu wissen, daß es jemanden wie sie gab. Ihr Tod ist ein so großer Verlust, weil sie uns mit dieser Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen, Fremdes zu vernetzen, sich im Gespräch auszudrücken, etwas entzogen hat, was viele kaum mehr können oder auch nicht wagen.

Vielleicht gab es Gesellschaften, die honorierten, daß jemand tut, was sie tat: zwischen den Leuten ein Gefühl für die Gegenwart zu schaffen. Ich möchte sagen, sie war eine leidenschaftliche Zeitgenossin. Aber mit dieser Kraft schuf sie sich keinen gesellschaftlichen Status, mit ihr lassen sich nicht kontinuierlich Mieten, Versicherungen, Krankenkassen bezahlen. Ich glaube, daß diese Kraft gleichzeitig einen immer größeren Druck schuf, etwas Meßbares vorzuweisen, wo doch ihre Fähigkeit darin lag, Personen und Ideen zusammenzubringen und Wolken zu verdichten.

Wir kannten uns nun ungefähr dreiundzwanzig Jahre. Es war Begegnung und Trennung. Es war über lange Jahre keine besonders enge Beziehung, aber sie war kontinuierlich und darin verläßlich. Es gab nie irgendeine Schwierigkeit, immer sofort wieder Kontakt zu finden. Es war typisch Ingrid, diese lange Bekanntschaft, aus der über die Jahre Freundschaft wurde, feiern zu wollen, um dadurch wie bei einer Silberhochzeit uns selbst und anderen zu zeigen, daß so eine Frauenfreundschaft lebenswichtig und oft die einzige Basis ist. In der Entwicklung solcher Formen brachte sie ihre Lust zu feiern und ihre Lust auf Gesellschaft zusammen mit ihrer Lust nach Erkenntnis.

Als die Frauenbewegung 1968 in dieser Stadt anfing, war Ingrid eine der ersten aus der Linken, die ihre Nase in das steckte, was sich außerhalb der Linken, wenn auch durch sie angeregt oder ausgelöst, zu artikulieren begann. Von da an war sie dabei und tief verwickelt in die undogmatische Geistesgeschichte dieser Stadt. Wir alle waren damals getrennt von der politischen Geschichte unseres Geschlechts, ja, ahnungslos, daß es so eine Geschichte überhaupt gegeben hatte. Ingrid schuf die ersten Verknüpfungen, indem sie Lilly Braun für uns entdeckte, eine der ersten von den Sozialisten abweichenden Feministinnen, an die die Erinnerung gründlich ausgelöscht worden war.

Wenn heute Frauen ein Bewußtsein von ihrer Geschichte als Geschlecht haben, wenn wir uns mit vor zwanzig Jahren unvorstellbarer Selbstverständlichkeit bewegen und deutlich machen, einen eigenen Ton singen zu wollen oder zumindest mit einem eigenen Ton das Geschehen noch kommentieren zu wollen, dann ist das wesentlich auch ihrer Arbeit zu verdanken. Sie blieb im Gespräch mit denen, von denen wir die Idee der Freiheit von Unterdrückung und Ausbeutung übernommen und auf uns als Frauen bezogen hatten. Sie griff die Denkverbote an und arbeitete kontinuierlich Anspruch und Wirklichkeit der Linken heraus. Sie kehrte nichts unter den Teppich zugunsten einer schönen Idee. Darum ist es auch ihrer Arbeit zu verdanken, daß die Frauenbewegung zu einer politischen Kraft geworden ist, die, obwohl aus den Ideen der Linken geboren, die Auseinandersetzung mit dieser Bewegung führte und einen Begriff von den patriarchalen Strukturen entwickelte, die soviel menschenfeindliche Praxis auch bei denen hervorbrachte, die menschenfreundlich sein wollten. Was heute selbstverständliche Begriffe sind, mit denen wir umgehen können zur Beschreibung von Wirklichkeit, war vor zwanzig Jahren Neuland im Denken. Immer wieder holte sie aus dem Vergessen Personen aus der Vergangenheit, wie z.B. Freda Wüsthoff, die sich aktiv als Frauen in ihre Gesellschaft eingemischt hatten. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit über die Nachkriegszeit war sie die erste, das Tabu der Vergewaltigungen aufzugreifen und darüber zu arbeiten und auf politische Folgen dieser Ereignisse hinzuweisen. Die Arbeit an diesem Thema war unsere erste und letzte wirkliche gemeinsame Arbeit. Ich begann damit sehr viel später als sie und konnte auf ihrer Arbeit aufbauen. In dem Film, den ich zu diesem Thema mache, wirkt Ingrid als Interviewpartnerin mit.

Ich denke, daß viele Menschen ähnliche Geschichten erzählen könnten und erst die Viehlzahl dieser Geschichten und ihrer Aktivitäten in diese Stadt ein Bild davon geben können, wie wichtig die, die oft im Kollektiv erlebt wurde, als einzelne für uns war.

Ihre Lebenslust, Vitalität, ihre Witze und ihre Gesprächsbereitschaft haben vielleicht bei uns anderen den Blick für ihre eigene Widersprüchlichkeit getrübt. Es wird viel über ihre Arbeitsschwierigkeiten gesprochen, das heißt, über den meßbaren Output. Aber wie wäre es, wenn ihre Kraft, sich zwischen Bewegungen zu bewegen, ein eigenes Kontrastprogramm geschaffen hat? Vielleicht — oder ich bin sogar sicher — war ihre Langsamkeit auch der Versuch und die Herausforderung, sich in ihrer eigenen Lebensform anerkennen zu lassen. Ich glaube, sie durchschaute diesen Zwang zur mörderischen Effektivität und es war nicht Unfähigkeit, ständig Meßbares zu schaffen, sondern auch Unwilligkeit, weil sie wußte, was dabei auf der Strecke blieb, und was sie dort nicht lassen wollte. In dieser Unwilligkeit scheint mir ein Festhalten an einer Utopie zu liegen. Darin war sie gewissermaßen „außerhalb von mittendrin“, wie der Berliner Ausstellungszyklus hieß, den wir im Sommer gemeinsam besuchten. Ihre Neugierde hat nicht ausgereicht, das, was sie bedrängte, auszuhalten. Jetzt habe ich und haben andere damit zu tun, mit diesem aggressiven Akt, mit dem sie sich auf diese Stadt stürzte, mit der sie sich so gründlich befaßt hatte, umzugehen.

 

 

Ingrid Schmidt-Harzbach zu Hause
Foto: Sigrid Fronius