Lesbisches Aktionszentrum

Nach dem Umzug in eigene Räume[2] im April 1974 gab sich die Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) einen eigenen Namen: Lesbisches Aktionszentrum (LAZ). Sie signalisierten damit auch eine Trennung von der HAW-Männergruppe.

Separatismus

Eine Teilgruppe des LAZ pflegte nun die neugewonnene Identität, indem sie Lesbischsein als den einzig wahren Weg postulierte: Feminismus die Theorie – Lesbianismus die Praxis inspiriert durch das Buch von Jill Johnston[3].

Monne Kühn bewertet rückblickend:

Ich fand das toll, dass sich eine Frau traut, solche Ideen zu entwickeln, so was kann ja auch befreiend sein. Aber es in der Realität umzusetzen… wie ‚Schwulsein ist besser’ – gut als Provokation, aber ich wollte nicht, dass Frauen sich zu was zwingen. […] Es wurde hart diskutiert, es gab Kämpfe und Fronten. In der Zeit lernte ich, wie unterschiedlich man mit Unterschieden umgehen kann – und wie man Unterschiede aushalten kann, ohne Krieg zu machen – ein Kernthema der politischen Arbeit!

 

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Monne Kühn verfolgt die Diskussion beim Pfingsttreffen, Berlin 1975. Foto: M.S.

 

Da löste sich die älteren und berufstätiger Frauen und bildeten die Gruppe L74; sie trafen sich nun woanders, kamen aber zu den Festen und Pfingsttreffen dazu.

Monne Kühn:

Das LAZ war inzwischen ziemlich studentisch geprägt, aber aus dem Sub kamen viele Frauen mit ganz anderen Themen, viele lehnten unsere Umgangsformen ab. Dass man nur auf Matratzen sitzen konnte, war ihnen unangenehm. Viele waren berufstätig, wollten und konnten nicht so offensiv vorgehen, wie es das Bild an der Wand mit der riesigen Faust, die das Frauenzeichen sprengt, darstellt. Manche der Frauen waren sechzig und siebzig Jahre alt.

Der Unterschied wird deutlich an unseren Zeitungen: die L74 gaben Unsere kleine Zeitung (UkZ)[4] heraus und das LAZ die Lesbenpresse[5]. […]
Die Lesbenpresse wurde nach Westdeutschland, Dänemark, in die Schweiz und Österreich geliefert. Daraus entstand dann auch der Frauenbuchvertrieb und wir begannen Bücher und Artikel aus den USA zu übersetzen und herauszugeben.

 

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Monika Mengel, eine der Sängerinnen der Flying Lesbians und Gabriele Meixner, Mitgründerin des Amazonenverlag 1975 – beide prägten die damalige Lesbenkultur. (Foto: Cristina Perincioli)

 

Ilse Kokula zu Beginn in der HAW Frauengruppe aktiv, dann in der Gruppe L74 schreibt zur Gruppenbildung bereits 1975:

Die Weiterentwicklung im LAZ brachte eine zunehmende Verhärtung, eine Rechthaberei. Auf der einen Seite war es notwendig, neue Positionen zu erlangen. Aber es wurde sehr rigide gemacht, man fand es nicht mehr nötig, zu Neuen freundlich zu sein. Damals empfanden wir die Umwelt als extrem feindlich. Unsere Ängste wandelten wir in feurige Reden um, berauschten uns sozusagen an unseren Ideen: wie das Pfeifen im Walde.

Im LAZ waren etwa vierzig Frauen eingetragen und zehn aktiv. Für eine so kleine Gruppe brachten wir einiges zustande: Wir haben jedes Jahr die bundesweiten Pfingsttreffen organisiert, zwei Filme gemacht, Rundfunkinterviews, die HAW-Dokumentation[6], später die Zeitung Lesbenpresse, Aktionen gegen die Kampagne der Springerpresse[7] und zum Prozess in Itzehoe, den Betrieb im Zentrum aufrechterhalten mit wöchentlichem Plenum und vielen Festen.[8]

 

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Pfingsttreffen 1975  Foto: M.S. Noch ist die Lebsenbewegung radikal, siehe die aktive Faust!
Auch nach dem Umzug in eigene Räume, sassen wir weiter auf Matratzen… wie auch im Frauenzentrum. Diese „Möblierung“ erlaubte keine Hierarchie, es gabe keine „Vorsitzende“ und ohne Tische konnte man auch nicht seine „Papiere“ ausbreiten – ganz wichtig bei den dogmatischen Linken!

 

Pragmatismus statt Gesellschaftskritik

Ich fragte Ilse Kokula, ob der Pragmatismus der heutigen Schwulen- und Lesbenbewegung nicht etwas weit gehe: Damals wollten wir die Familie zerschlagen und heute setzen sich Schwule und Lesben stark für die Homo-Ehe ein. Ilse Kokula antwortete mir auf meine Frage 1996:

Wir wollen die soziale und juristische Anerkennung einer Partnerschaft. Was das Heiraten betrifft: damals haben wir uns in studentischen Kreisen bewegt, die alle gegen die Ehe waren. Während heute selbst meine besten Heterofreundinnen, die sich achtzehn Jahre der Ehe verweigerten, jetzt heiraten.

Aus der sozialen Bewegung mit globalen Zielen sind jetzt lauter ‚single purpose movements’ entstanden, Verbände, die nur ein Ziel erreichen wollen, also Durchsetzung der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, oder Förderung des Lesben-Sports. Man ist sozusagen eine Etage runter und guckt auf der pragmatischen Ebene.

Vorher hatten wir die großen Ziele im Auge und die Verbesserung des Alltags vergessen. Schade, denn ich finde eine feministisch sozialistische Perspektive schon wichtig. Wenn ich den Konkurrenzdruck sehe zum Beispiel in der Lesbenforschung: da ist wieder das Element ‚ich bin die Beste, ich weiß es besser’ – der Blick nach vorne, das Gesellschaftsanalytische ist weg. Das find ich schade. Dagegen hatten wir in den ersten Jahren den Zusammenhang im Blick.

Die Bewegung ist heute sehr viel größer, wenn auch pragmatischer und leiser. Damals haben wir uns kaum mit unserem Namen exponiert, während heute, auch wenn es nicht laut ist, bist du doch angestellt in einem Lesbenprojekt, das ist dann per se festgeschrieben in deiner Berufskarriere, Eltern werden gefragt: ‚ja wo arbeitet sie denn?’.

Wir wollten immer offen sein, haben es aber nicht geschafft. Damals bestand die Lesbengruppe laut Protokoll aus ‚Hilde’, ‚Eva’ und ‚Lisa’. Wenn du heute an eine Behörde schreibst, dann musst du mit vollem Namen unterschreiben und bleibst so ewig in den Akten. Wenn ich mir die lesbischen Polizistinnen ansehe in Berlin-Brandenburg oder Hamburg, die sind im Alltag offen, organisiert und ge-outet! Das gab’s damals nicht.

 

Die Lesbe – ein Konstrukt?

Eva Rieger, zu Beginn in der HAW Frauengruppe, dann in der Gruppe L74 aktiv nimmt sich dieser Frage an:

In Ariadne[10] ist [1996] ein Aufsatz erschienen, wo Andrea Bührmann die gesamte Lesbenforschung und speziell meine Definition einer Lesbe kritisiert und eigentlich auch lächerlich macht. Es wird gesagt, im Zeitalter der Postmoderne ist es nicht möglich, DIE Lesbe zu definieren, genauso wenig, wie man DIE Frau oder DEN Mann definieren könne, das wäre eine Pauschalisierung, eine Ontologisierung letztendlich.

Sie bezieht sich auf Judith Butler[11], tut so modern und sagt, dass wir die Lesbe stilisiert hätten zu einem zentralen Widerstandsmodell gegen das Patriarchat. Das klingt aus heutiger Sicht auch furchtbar altmodisch. Diese Frauen berufen sich auf Claudia Honegger (Die Ordnung der Geschlechter[12]) – und Thomas Lacqeur[13], die historisch nachweisen, dass die Zweigeschlechtlichkeit erst Ende des 18. Jahrhunderts ausgeprägt wurde, dass es davor mehr die Vorstellung von Eingeschlechtlichkeit gab, dass diese binäre Wahrnehmung von männlich-weiblich auch gesellschaftlich bezogen ist und auch erst damals aufkam. Das ist alles richtig, dennoch meine ich, darf man die historische Wichtigkeit von bestimmten Schritten nicht übersehen.

Wir waren der Meinung, dass es eine lesbische Identität geben muss. Wenn wir doch von der Gesellschaft abgekanzelt werden als abartig und pervers und als nicht existent, dann müssen wir im Gegenzug erstmal existent werden. Das war historisch ein wichtiger Schritt![14]

Heute sind die Ängste auf subtilerer Ebene. Das haben mir jüngere Studentinnen gesagt. Sie sagen, wir kriegen zwar die Literatur und man kann darüber sprechen, aber die Repression seitens des Elternhauses ist doch genauso da, wir müssen uns genauso unser Coming Out erstreiten und glaubt ja nicht, dass nur Ihr die Kämpferinnen gewesen seid.

 

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Christiane Härdel, Pfingsten 1975  Foto: M.S.

 

Lesben sind die Macherinnen

Die ersten Frauenprojekte in Berlin kamen alle aus der Lesbenbewegung: Zuerst entstand die Frauenkneipe Blocksberg, dann die Frauenrockband Flying Lesbians, ein Frauenbuchladen und ein Frauenbuchvertrieb, das Selbstverteidigungszentrum für Frauen – alle diese für die Frauenbewegung beispielgebenden Projekte wurden in Berlin von Lesben gegründet und geführt. Treibende Kraft waren Lesben auch in den ersten Projekten die aus dem Frauenzentrum Berlin heraus entstanden: Frauengesundheitszentrum, (Therapiezentrum für Frauen PSIFF), Frauenhaus, Notruf für vergewaltigte Frauen. Die offensichtliche Vorreiterrolle, die Lesben auch im Frauenzentrum einnahmen, führte dazu, dass sich heterosexuelle Frauen unter Druck gesetzt fühlten. Beziehungen zu Männern mussten Frauen, wenn nicht vor ihren Freundinnen, doch vor sich selbst rechtfertigen, was mitunter schwer fiel – angesichts des oft extrem brutalen Verhaltens von Männern, mit dem wir in vielen Arbeitsbereichen (Notruf, Frauenhaus, PSIFF, Medizin, Justiz) damals konfrontiert wurden.

 

[1] Claus-Ferdinand Siegfried

[2] Ein Fabrikgebäude in der Kulmerstrasse 20a 3.Hof 2.Stock

[3] Johnston, Jill: Lesbian Nation: The Feminist Solution, New York, 1973. 1969-1972 in der The Village Voice publiziert.

[4] Unsere kleine Zeitung (UkZ), Berlin, 1975-2001

[5] Lesbenpresse, Berlin, 1975-1982

[6] Eine ist keine – gemeinsam sind wir stark. Dokumentation. Hrsg. Von HAW-Frauengruppe. Berlin 1974.

[7] Vgl. Kapitel Hexenjagd

[8] Einen Überblick über die Arbeit der HAW-Lesbengruppe findet sich in Kuckuc, Ina (d.i. Kokula, Ilse): Der Kampf gegen Unterdrückung. Materialien aus der deutschen Lesbierinnenbewegung München 1975. Das Zitat findet sich auf S. 63.

[10] Bührmann, Andrea Dorothea: Ist eine „Lesbe“ eine „Lesbe“? Anmerkungen zur Lesbenforschung angesichts der erkenntnistheoretischen Herausforderungen des Dekonstruktivismus. In: Ariadne – Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung 11 (1996) 29, S. 60-67.

[11] Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M. 1991.

[12] Vgl. Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter.: Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib. 1750-1850. Frankfurt a.M./New York 1991.

[13] Vgl. Lacqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt a.M./New York 1992.

[14] In einem Gespräch 2014 stellte Eva Rieger mir gegenüber fest, dass es damals richtig gewesen sei, auf dem Lesbenbegriff zu bestehen, um überhaupt sichtbar zu werden. Ihrer Ansicht nach sei es zudem heute genauso wichtig, die Historizität des Begriffs zu sehen und ihn zu hinterfragen. Vgl. auch Rieger, Eva: Vorschlag: Schafft die Lesbe ab!. In: EMMA 1 (2010), S. 144.

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