Lesbisches Leben vor der Befreiung

Wie sah lesbisches Leben aus, bevor sich die Lesben erstmals wieder seit der Zeit des Nationalsozialismus selbst organisierten? Diese Lesben geben einen Einblick; sie hatten bereits Jahrzehnte als Lesben gelebt – mehr oder weniger versteckt –, bevor sie die erste Lesbengruppe im Kontext der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) mitgründeten und später das Frauenzentrum Berlin.

 

Gisela Necker beim Pfingsttreffen 1975. Foto: M.S.

Das lief alles im Stillen

Gisela Necker wurde 1932 geboren und musste nach der mittleren Reife 1950 rasch selbst Geld verdienen, denn sie war Waise. Sie ließ sich als Lehrerin ausbilden, was damals in der DDR sehr schnell ging, und stand mit 18 Jahren schon vor ihrer ersten Klasse. Dann erkrankte sie an Tuberkulose, kam in eine Heilstätte. 1959 ging sie in den Westen.

Schon mit 13 Jahren merkte sie, dass sie kein Interesse für Männer entwickelte, Frauen aber „sehr aufregend“ fand. Heftige Liebschaften pflegte sie bereits als Schülerin; niemand merkte was, „nur die, die es anging, und die waren auch verliebt und fanden das ganz schön“. Sie schilderte ihr Liebesleben so:

Die erste langjährige Beziehung hatte ich mit 19 in einer TBC Heilstätte; meine erste Freundin war auch nicht lesbisch, sie verliebte sich einfach, weil ich sehr charmant war, [ich] hab mich angeschmust. Wir lebten dort in einem Zweierzimmer, es war meine erste sexuelle Beziehung und sehr schön.

Die Wörter lesbisch und homosexuell waren uns nur vage bekannt. Davon sprach niemand. Ich selbst sah es als Mädchenschwärmerei. Aufgeklärt wurde ich dann von einer Berliner Lesbe, sie sagte: ‚Gisela, so was nennt man homosexuell’. Da war ich zwanzig. Ich bekam einen Schreck. 1952 war es doch ein ziemliches Gruselwort. Auf der anderen Seite war es ein befreiendes Gefühl. Es war mir immer etwas unnormal vorgekommen, dass ich Männer nicht mochte. Wenn man es benennen kann, ist man irgendwie beruhigt. Mit meiner Freundin sprach ich darüber nicht.

 

Heute ist man aufgeklärt, aber die Romantik ist weg

Gisela Necker beschreibt, wie sie lesbischer Liebe entdeckte und welche Unterschiede zum heutigen Umgang mit lesbischer Sexualität sie beobachtet:

Ich hatte mir ja alle Zärtlichkeiten selber ausgedacht, hab es gelassen als eine Liebe, die aus uns selbst kam. Über Wochen haben wir nur geschmust und gestreichelt, ehe es zur Sexualität kam. Die Heimlichkeiten und das Versteckspiel hatten ja etwas Prickelndes. Heute läuft meist alles schneller und zielstrebiger ab. Da ist inzwischen was verloren gegangen. Heute gibt es weniger Diskriminierung, heute wird alles gewusst, frau ist aufgeklärt, aber wo bleibt die Romantik?

Vieles ist heute so technisch, wie die ‚Saphisterie’ – ein Buch, in dem alle Techniken genau beschrieben sind, man braucht da nur nachblättern, wenn einem nichts Neues mehr einfällt.

In den 50er Jahren stellte ich meine Rolle als Frau nicht in Frage. Ich nahm die Welt so hin, wie sie war – daran lässt sich gar nichts ändern. Frauen heiraten, gründen Familie und wärmen den Männern die Filzpantoffeln an. Schon mit 18 war mir klar: ohne mich! Ich sagte damals immer: Ich würde dreißig Jahre meines Lebens hingeben, wenn ich als Mann auf die Welt gekommen wäre. Ich war dann auch mehr der ‚kesse Vater‘ Typ, hab überall die aktive Rolle übernommen.

Ich sagte mir allerdings auch: Ich such mir jede schöne Frau aus, die ich will. Ich hatte sehr viele Beziehungen, obwohl das alles im Stillen lief, Kolleginnen oder Frauen, die ich im Urlaub kennen lernte. Es waren nie Lesben.

 

Die 60er Jahre

Die lesbische Subkultur im Westberlin der späten 1950er Jahre erlebte Gisela Necker so:

1959 ging ich nach West-Berlin, weil abzusehen war, dass die Grenze dicht gemacht würde.

Damals gab es ein Clublokal ‚Bei Kathi’ in einem Hinterhaus in der Augsburger Strasse. Davon erfuhr man aber nur über Beziehungen. Dort machten wir Gesellschaftsspiele, Tanzspiele. Kathi hat diese Tanzvergnügen ja noch in den 80ern auch noch im ‚Interconti’ arrangiert für die älteren Lesben. Viele junge Lesben sind da auch hingegangen, weil die das urkomisch fanden; da waren noch die alten Traditions-Lesben – mit der Rollenaufteilung in maskulin und feminin zu besichtigen. Und ich stand zwischen den Fronten.

Das ‚Sappho’ in der Uhlandstrasse/Ecke Pariserstrasse war ganz anders als ‚Bei Kathi’, da lag eine Generation dazwischen. Schon das Wort ‚Sappho’ sagt ja, wer da wohl reingeht. ‚Bei Kathi’ war das noch ganz versteckt, eine Club-Atmosphäre, auch sehr plüschig und gedämpftes Licht; dahin ging man also in später Nacht.

Es wurde sehr viel getrunken. Die einen in strengen Kostümen und die Damen im Cocktail-Kleid. Alle wurden mit Handschlag begrüßt, wir kannten uns alle mit Namen, war eine Art Gruppenatmosphäre wie wir sie dann später wieder kannten. Überwiegend Tanz, aber eben nicht diese laute Musik, manchmal mit Schifferklavier und einem Rhythmusinstrument. Wir machten Kreistänze, wie heute (1970/80) wieder! Später tat ich das als furchtbar spießig ab, doch heute aus der Entfernung sieht das wieder gar nicht so schlecht aus. War eine lockere Art, verschiedene Frauen kennenzulernen.

 

Es war wie eine Kommunikationsstörung

Aber in den 60er Jahren verlor sich dieses, was sich Geselligkeit nennt, und zwar in der gesamten Gesellschaft. Es wurden dann Stehparties gemacht, keine Feiern. Etwa Mitte, Ende der 60er kam furchtbar viel Distanz auf, ich möchte wissen, was der Grund dafür war. Noch Anfang der 60er haben wir mit den Kolleginnen ganz tolle Feste gefeiert und das war in den 70er nicht mehr möglich, obwohl es dieselben Menschen waren. Die Jüngeren machen Feten, aber nicht dieses gesellige Beisammensein.

Das ‚Sappho’ gab’s schon zu Beginn der 60er. Da stehen die Lesben am Tresen, sehr isoliert; entweder sie kommen gleich zu zweit oder man kommt alleine und muss dann irgendwie sehen, wie man an eine Frau rankommt. In den 50ern hat man eben mit einem ‚Diener’ eine Frau zum Tanzen aufgefordert– lächerlich! Später ohne das, musste man erst etwas trinken, dann ging es leichter. Die ersten zwei Stunden waren wirklich schlimm, es war wie eine Kommunikationsstörung.

Wenn ich Frauen kennen lernen wollte, hab ich das dann über Anzeigen im ‚Telegraf’ gemacht, das war die einzige Berliner Tageszeitung, die solche Anzeigen aufnahm, wie ‚sportliche Freundin sucht Gleichgesinnte’, das Wort ‚lesbisch’ war nicht möglich.“

 

Befreiung

In der Akademie der Künste[1] war ich im Publikum als Du (Cristina Perincioli) und Waltraut Siepert auf der Bühne traten und sagten: Die Männer haben eine Schwulengruppe gegründet, wir Frauen wollen das auch. Wir treffen uns nächste Woche im ‚L’inconnue[2]’. Und da bin ich hin und war unglaublich glücklich!

 

Gisela Necker machte ihr Lesbischsein nie öffentlich. Aber sie blieb bis zum Ende in der Lesbenbewegung aktiv und zwar nicht bei der Gruppe von älteren berufstätigen Frauen der L74, sie zog es vor mit den jungen radikalen Frauen des LAZ zu arbeiten und zu diskutieren, deren Meinung sie meist nicht teilte, aber interessant fand. Sie starb in Berlin 2011.

 

 

Waltraud Siepert

Waltraud Siepert – 1938 geboren und aufgewachsen in Thüringen – machte sie sich am Tag ihrer Volljährigkeit in den Westen auf. Dort arbeitete sie als Disponentin in einem Filmverleih, heiratete ihren Jugendfreund und bekam eine Tochter. Aber schon als Sechsjährige hatte sie sich in ihre Lehrerin verliebt, wusste das Gefühl aber nicht zu deuten.

Später war ich als junger Pionier bei den Weltjugendspielen. Da hatte ich fürchterliche Blasen vom vielen Rumlaufen mit der Völkerfreundschaft und landete im Rotkreuz-Zelt. Eine Frau, die uns betreut hat, die hat mich gestreichelt und auch umarmt und da hatte ich ihren Busen gespürt – da war ich…, da war ich ja nur noch krank!

Das Wort ‚lesbisch’ kannte ich nicht. Es wurde auch nie über so was gesprochen.
Ich wusste nur, da war eine wahnsinnige Sehnsucht zu Frauen hin.“

 

Waltraud Siepert 1973. Foto: Cristina Perincioli

 

Ihre erste Frauenbeziehung begann Waltraut Siepert mit 28 Jahren. Es war eine ebenfalls verheiratete Nachbarin, mit der sie sich heimlich bei zugezogenen Vorhängen zu Hause traf und später im ‚Valentino’ – einem Frauenlokal in Düsseldorf, das Waltraut so beschreibt:

Rotes Licht, Spiegel, Sessel, mit einer Bar, düstere Beleuchtung. – eine Atmosphäre wie im Puff, Sex stand an erster Stelle. Wir hatten auch nicht gelernt, mit uns vernünftig umzugehen. Der Umgang war geprägt von Konkurrenzdenken. Aber ich war nicht mehr alleine. Dort sah ich zum ersten Mal zwei Frauen zusammentanzen, öffentlich. Wir mussten zuhause immer alle Vorhänge zuziehen – und dort war die Tanzfläche voller Frauen, das war doch ein Reichtum! Ist doch toll, wenn du andere lesbische Frauen siehst, eine Stütze, ich wusste, wo ich hingehen, wo ich darüber mit jemandem sprechen konnte. Das war ein ungeheurer Fortschritt. Das gab mir genug Kraft, um von zu Hause wegzugehen.

Für Waltraud Siepert folgte eine ungeheuer harte Zeit, sie war mit nicht mehr als einem Schuhkarton weggezogen, benötigte zwei Jobs, um sich über Wasser zu halten, doch ihre Gefühlswelt brachte sie in Ordnung:

Solange ich verheiratet war, kannte ich keine Befriedigung, weder vom Streicheln her, noch einen Höhepunkt, das waren für mich böhmische Dörfer. Deshalb hat es mir auch so die Beine weggezogen, als ich dann mit Frauen zusammen war. Das waren Erfahrungen, Gefühle, Erlebnisse, die ich nie vorher gekannt hatte und dadurch hab ich auch meine Umgebung auf einmal ganz anders wahrgenommen. Was ich fühlte und wie schön das ist, das hätt’ ich am liebsten den Frauen auf der ganzen Welt geschenkt!

 

Das Lied <wir sind die homosexuellen frauen> der Frauenrockgruppe <Flying Lesbians> gibt das von Waltraut Siepert beschriebene Lebensgefühl wieder, das in den 1970er Jahren viele Frauen für sich entdeckten:

 

wir sind die homosexuellen frauen
ihr steht da und glotzt uns an
so als wären wir völlig anders als ihr
ein komisches getier

 

wir sind die homosexuellen frauen
euer blick ist ein blöder trick
doch wir kümmern uns nicht mehr darum
ihr kommt uns zu dumm
ihr kriegt uns nicht rum

 

wir sind die homosexuellen frauen
bis vor kurzem sah man uns nicht
doch jetzt kommen wir ans tageslicht
jetzt überseht ihr uns nicht
wir kommen ans licht

 

wir sind die homosexuellen frauen
außerdem sind wir schön und klug
doch das ist uns immer noch nicht genug
wir wollen die macht
daß es so kracht
noch heute nacht

 

wir sind die homosexuellen frauen
mann, du stehst da und lachst so schlau
doch vielleicht fühlt wie wir deine eigene frau
du weißt es nie genau
mann weiß es nie genau

 

wir sind die homosexuellen frauen
ihr steht da und seid so normal
doch eure normalität, die ist eine qual
die ist so schal
die bringen wir zu fall[4]

[1] Gemeint ist eine Vorführung von <Rosa von Praunheims> Film <Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt> in der Akademie der Künste am 6.02 1972, die zur Gründung der Lesbengruppe führte.

[2] Ein unprätentiöses Lesbenlokal in der Goethestrasse 72-74.

[3] Die Clique aus der Eisenbahnstrasse 22 in Kreuzberg waren Waltraut Siepert, Inge Viett, Anke-Rixa Hansen und Ursula Scheu.

[4] Flying Lesbians, LP Berlin 1975. Text und Melodie stammen von Frauen des Lesbencamps Sanguinet 1974.