Magdalena Kemper

Magdalena Kemper gehört zu den Gründerinnen der Mediengruppe des Berliner Frauenzentrums und war auch in den Folgejahren in der Frauenmedien-Politik aktiv (s. Mediengruppe). In München und Berlin hatte sie Journalistik studiert und begann als freie Reporterin beim Jugendfunk des SFB[1] in Berlin. Viele Jahre arbeitete sie in der Rundfunkredaktion Zeitpunkte im SFB. Der Name des Senders ist jetzt rbb[2] und die Arbeitsbedingungen haben sich seitdem entschieden verschärft. Das folgende Gespräch führten Cristina Perincioli 1996. Als erstes fragte sie, ob es zutreffe, dass sie ihren Beitrag über den Hungerstreik 1973[3] selbst habe zensieren müssen. Magdalena Kemper bestätigt:

Das war so. Das war Jugendfunk und Jugendfunk war immer vor Ort, ob nun Hunger­streik, §218, oder besetzte Häuser, Thommy Weissbecker Haus. Das galt auch für die ganzen Bambule-Geschichten in den Heimen, der Jugendfunk war immer da. Und so war es auch der Jugendfunk, der ständig vor den Rundfunkrat gezerrt wurde, es hieß, das sei die Rote Zelle SFB, das sind die Kommunisten, so wurde jede Sendung vorher abgenommen und es wurde heftigst eingegriffen, das muss ich schon sagen. Schlimm!

„Weißt du noch, was du damals raus schneiden musstest?“

„Nein, aber ‚Aufruf zur Gewalt’ wurde damals relativ weit gefasst.“

„Dann erschien noch ein langer Artikel im <Spandauer Volksblatt> von Monika Mengel, da waren wir dann schon drei..“

„…und dann haben wir zu Dritt die Frauenmediengruppe gegründet.
Was ich an dieser Mediengruppe spannend finde – nach wie vor – ich habe ja viele an­dere Medien­gruppen hinterher mitgegründet: den Journalistinnenbund, die Frauenmediengruppe vom SFB – ich fand an dieser interessant, dass da so unter­schiedliche Lebenswelten aufeinander­ stießen: du und Monika Mengel alternativ-frau­enbewegt, andererseits Sophie Behr – zu der Zeit etablierte Redakteurin vom Spiegel, die hatte unglaublich viel Geld und auch ein Image. Hilke Schlaeger als Kulturredakteurin beim RIAS war auch schon renommiert. Das Spektrum war span­nend, das hab ich hinterher nie wieder so erlebt. Auch das Alter war weit auseinander.

Ich kann mich noch gut erin­nern an Sophies Bericht im ‘Spiegel’ über das erste Frauenfest ‚Tanz in den Mai’, wo Sophie sich alle Mühe gegeben hatte solidarisch zu berichten – wie sie meinte – und selbst be­geistert war von dem Fest und nun versuchte im Spiegel-Stil – was sich einfach aus­schließt – eine solidarische Reportage über das erste Frauenfest zu schreiben. Es war eine Katastrophe! Es bediente alle Klischees und unterschied sich in den Klischees von der Springerpresse überhaupt nicht. Aber Sophie hatte es wirklich gut gemeint.

„Ich erinnere mich noch an die Stille, die dann eintrat, als sie uns das vorgelesen hatte. Alle fragten sich, wie sagen wir es ihr?“

In späteren Gruppen gab es das nicht mehr, da war dann auch gar keine ‘Spiegel’-Redakteurin mehr dabei. Aber am Anfang war es anders, es war eine Neugierde auf einan­der, das hat auch mit der Zeit zu tun. Also Sophie hat enorm von uns profitiert. Ich weiß, dass auch Hilke, die sich zwi­schen Buchmessen, Kulturkonferenzen und Festwochen bewegte, es unheimlich genoss, auf einmal mit Frauen zusammen zu sein, die fünf bis zehn Jahre jünger waren und eben nicht in diesem etablierten Kulturbetrieb, sondern sozusagen an der feministischen Basis tätig waren, über die in den Medien ständig berichtet wurde.

Ich merke das doch jetzt auch, als Redakteurin, dass ich zu vielen Sachen keine Tuchfühlung mehr habe, ich lese darüber, gehe vielleicht auch zu einer Veran­stal­tung, wenn ich abends nicht zu müde bin, aber ich kenne von den jungen Frauen nicht mehr viele.

 

 

Beschwer­de an den Presse­rat

Unsere junge Frauenmediengruppe engagierte sich im Kontext des Prozesses in Itzehoe gegen Marion Ihns und Judy Andersen, eines lesbischen Paares, das gemeinschaftlich den Mord an dem gewalttätigen Ehemann von Marion Ihns plante und durchgeführen liess. Die BILD-Zeitung belegte die beiden Frauen mit übelsten lesbenfeindlichen Diffamierungen. Unsere Mediengruppe formulierte eine Beschwerde an den Presserat und verlangte eine Verurteilung der diskriminierenden Berichterstattung, für Magdalena Kemper eine Aktion mit Folgen:

Das war schon bemerkenswert: Sich hinzusetzen und eine Beschwer­de[5] an den deutschen Presse­rat einzureichen! Und was für mich beachtlich war – was aber per­sönliche Gründe hatte – ich bin hier durch den SFB getingelt als kleine freie Mitarbeiterin mit dem Schreiben an den Presserat und habe Unterschriften bei den Kolleginnen gesammelt. Es war hochin­teressant zu sehen, welche Kolleginnen unterschrieben und welche nicht. Es war bei­leibe nicht so, dass jene Frauen, die Frauenfunk machten unisono unter­schrieben hät­ten, das war ihnen alles viel zu heikel. Dagegen gab es eine ältere Kollegin – inzwi­schen lange pensioniert – die machte Schulfunk, für die war das keine Frage. Eine an­dere vom Fernsehen Frauenfunk wollte auf keinen Fall unterschreiben. Und es war ein­deutig, was da in der BILD-Zeitung ge­standen hatte.

In den Memoiren von Alice Schwarzer “Wie alles anfing” sieht es ein bisschen so aus, als ob diese Aktion der Journalistinnen mehr oder weniger eine Aktion von Alice Schwarzer alleine war. Das war aber nicht so. Es war von Berlin ausgegangen und war unsere Idee. Alice war daran beteiligt, hat an der Presserklärung geschrie­ben, daran erinnere ich mich auch, an Alice mit der Schreibmaschine auf dem Schoss, aber es war nicht allein ihre Sache.

 

‘Aha, auch so eine’

„Mit dieser Unterschriftenliste herumzugehen, war das für dich auch eine Art Coming-out im Sender?“ frage ich Magdalene Kemper:

Es war kein Coming-out, das ist viel später passiert, ich hatte genau davor Angst, dass die Kolleginnen sagen: ‚Aha, auch so eine’. Und es war dann auch so. Ich habe sehr viel später er­fahren, dass dann bei meiner ersten Bewerbung beim SFB genau das Argument, ich sei nicht nur eine Feministin, sondern auch noch eine Lesbierin, ge­gen mich verwendet worden war. Es war eine andere Zeit. Das würde heute einer Kollegin nicht mehr passieren, dass so mit ihr ver­fahren wird. Ich hoffe es jedenfalls! Das erfuhr ich erst Jahre später, und ich bin heil froh, dass ich es da­mals nicht wusste.

Andererseits war es auch eine Offenbarung, ich hab ja nun auch die Lebensgefährtin für vier­zehn Jahre in dieser Mediengruppe kennengelernt, das muss man auch nicht vergessen. Insofern war es auf der einen Seite ein bisschen schwie­rig (lacht), auf der anderen Seite auch ein großer Sprung.

Mit der Frauenbewegung hatte ich ja vorher nicht viel am Hut. Ich kam ja aus München, war da in der AK – Arbeitskonferenz -, einer linke, sehr akademischen Organisation, hab meine Schulung und meine Kandidatenplenen gemacht, aber hab mich um Frauenbewegung nicht geschert. Die §218-Aktion von Alice im Magazin Der Stern, die habe ich allerdings mit großer Begeisterung verfolgt und im Grunde genommen ging es da­durch, dass wir beide uns kennengelernt haben und die Mediengruppe gründeten, für mich erst richtig los – muss ich wirklich sagen. Insofern hab ich dir eine Menge zu verdan­ken, ist echt wahr.