Gründung und Struktur

Im November 1972 schrieben zwei Frauen aus der HAW Frauengruppe – Waltraud Siepert und Cristina Perincioli – einen Aufruf zur zur Gründung eines Frauenzentrums.[0]

Cornelia Mansfeld war von der Idee begeistert:

Wir fanden den Aufruf in dem Blatt Hundert Blumen – einem Alternativblatt. Wie eine Flüsterkette ging dieser Aufruf durch die verschiedenen Grüppchen und es war klar, dass wir da hingehen. Wir wollten, dass Frauen sich als Frauen organisieren. So kamen zum ersten Treffen etwa siebzig Frauen aus verschiedenen informellen Zusammenhängen.

Dieser erste Abend ist mir als ungeheuer aufregend in Erinnerung:
Noch nie hatte ich so viele Frauen in einem Raum ohne Männer gesehen, die versuchten das zu strukturieren.

Als erstes verabredeten wir Plena und Untergruppen, das alles im Stehen, weil wir so viele waren und von da an waren wir schon arbeitsfähig. Das Erarbeiten einer theoretischen Plattform – in anderen Gruppen ein Muss – wurde einfach übersprungen. Schon vor diesem Treffen war der Konsens entstanden, deshalb mussten wir darüber gar nicht mehr viel reden, weil alle dieselbe Erfahrung mit linken Gruppen hinter sich hatten.

Die erste Selbstdarstellung mit der das Frauenzentrum Berlin an die Öffentlichkeit trat ist nicht – wie bei anderen politischen Gruppen – ein Positionspapier, sondern lediglich eine unprätentiöse Beschreibung von Organisationsform und Arbeitsinhalten, allerdings mit einer heute vielleicht überraschenden Abgrenzungserklärung, die damals aber notwendig war:

Im November 1972 haben sich über eine Annonce eine Menge Frauen zusammengefunden. Wir alle wollten Frauenarbeit machen, suchten aber nach einer Alternative zum sozialistischen Frauenbund (SFB). Der SFB ist praxisfeindlich, hierarchisch und SEW[1]-orientiert, bürokratisch und antifeministisch.

Wir bildeten sofort die ersten Arbeitsgruppen: Hochschule, Sexualität, Erzieherinnen, Selbsterfahrungsgruppen. Im März [19]73 hatten wir endlich einen Laden als Frauenzentrum gemietet, wo wir Frauen beraten, Bücher verkaufen und wo sich die Gruppen treffen können.

Jede Woche kommen alle Frauen aus den Untergruppen zum Plenum. Dort werden Gruppenerfahrungen mitgeteilt und Aktionen, die von den Untergruppen vorgeschlagen werden, von allen diskutiert und beschlossen. Dadurch entwickeln wir gemeinsam und kontinuierlich das Selbstverständnis des Frauenzentrums. Wir haben also kein Selbstverständnis auf Papier, sondern lernen gemeinsam.

 

Frauenzentrum aussen
Die Ladengruppe des Frauenzentrums Berlin 1973. Foto: Cristina Perincioli

 

Jeden Donnerstag kommen Delegierte von jeder Arbeitsgruppe zur Ladengruppe, wo das Organisatorische erledigt und anstehende Probleme für das Plenum vordiskutiert werden. Danach um 20 Uhr findet jede Woche ein Informationsabend für die Neuen statt.

Wir sympathisieren mit keiner Partei. Aber wir unterstützen die Stadtteilarbeit, die Rote Hilfe und die schwulen Frauen. Dazu ein Beispiel: Am 1. Mai gab es in Berlin 3 verschiedene Demonstrationen. Wir unterstützten keine der konkurrierenden Parteien, dafür besetzten wir an diesem Tag zusammen mit der Stadtteilgruppe einen Platz für ein Kinderfest.

 

Anja Jovic beschrieb ihre Erfahrung im Frauenzentrum Berlin so:

Was an diesem ersten Abend für mich deutlich wurde, war, dass die Frauen im Frauenzentrum sich nicht bereits eine feste Theorie erarbeitet hatten und uns diese überstülpen wollten, sondern dass sie uns ‚Neue’ so, wie wir waren, mit unseren Erfahrungen sofort für voll nahmen.[2]

 

Entscheidungsstrukturen

Jede Gruppe des Frauenzentrums Berlin war für sich autonom und konnte sich ein beliebiges Arbeitsfeld aussuchen; es gab keinen einzigen Fall, bei dem durch das Plenum eine Gruppe reglementiert worden wäre. Alle Gruppen und Einzelpersonen konnten Vorschläge für Aktionen oder neue Gruppen einbringen, über ihr Zustandekommen entschied nur, ob sich genug Mitstreiterinnen dafür fanden. Es wurde also nicht entlang einer inhaltlichen oder gar politischen ‚Linie’ über Richtigkeit und Zulässigkeit eines Vorhabens befunden. Keiner ‚Linie’ folgen zu müssen, liess uns schnell und flexibel reagieren. Wir entwickelten auf diese Weise – ganz im Sinne des oben zitierten ersten Positionspapiers – „gemeinsam und kontinuierlich das Selbstverständnis des Frauenzentrums. Wir haben also kein Selbstverständnis auf Papier, sondern lernen gemeinsam.”

Im Interview charakterisiert Helga Pahl, damals technische Zeichnerin und verheiratet, die Strukturen des Frauenzentrums Berlin wie folgt:

Von Struktur war eigentlich nicht so sehr die Rede; das hatte auch sein Gutes, so trauten sich auch Leute was zu sagen, die das nicht so gewohnt waren, so dass auch die gewöhnliche Hausfrau dort ihre Meinung kund tun konnte.

Damit wir nicht immer bei Punkt Null beginnen mussten, richteten wir das Neuen-Plenum ein, wo wir von uns erzählten und die Neuen sich in die Gruppen integrieren konnten, dann lief das schon… Es war sehr wenig Struktur nötig, damit es lief.

 

War das Frauenzentrum wirklich basisdemokratisch?

Beatrice Stammer äußert sich rückblickend im Interview zu dieser Frage:

Ich weiß, dass an vielen Sachen unendlich lange diskutiert wurde, es wurde nicht einfach abgestimmt. So saßen wir manchmal bis zwei Uhr nachts dort, es sollte immer Konsens gefunden werden. Das war Klasse, weil wir lernten, Argumente zu benutzen. Es gab nur Einzelne, die anders funktionierten wie etwa Alice Schwarzer.

Bei den Anarchistinnen erfuhr ich rigidere Strukturen: Je radikaler eine war, umso mehr hatte sie zu sagen. Da gab es einen irrsinnigen Druck, immer gleich eine Aktion zu machen, ohne dass diskutiert werden konnte. Auch vom Frauenzentrum aus waren wir nachts noch oft unterwegs (z.B. zum Spayen), aber mit diesen Frauen hab ich mich immer aufgehoben gefühlt.

 

Selbsterfahrungsgruppen

Diese Selbsterfahrungsgruppen nannten wir damals CR-Gruppen nach ‚conciousness raising’ (etwa: ‚Bewußtwerdung’) – einer Methode, die wir von den US-amerikanischen Frauengruppen übernahmen. Reihum hat jedes Gruppenmitglied Gelegenheit, eine Sitzung lang über ihre Situation zu berichten; die Nachfragen der Zuhörerinnen helfen ihr, sich klarer über ihre Lage, ihre Biografie und ihre Beziehungsmuster zu werden. Diese CR-Gruppen waren enorm wichtig, weil sie jeder Frau deutlich machten, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine ist.

Cornelia Mansfeld hebt in unserem Interview die Ideologiefreiheit der CR-Gruppen hervor:

Es gab Anfängerinnengruppen, in denen jede eine Sitzung allein für sich hatte. An diesem Tag erzählte nur sie, dann wurde das diskutiert und verallgemeinert. Bei den Fortgeschrittenen wählten wir uns ein Thema aus, zu dem jede ihre Erfahrung beitrug.
Sozialistinnen kritisierten dies als oberflächlich, wenn Frauen nach einer Selbsterfahrungsgruppe wieder wegbleiben. Wir fanden das nicht: ‚Die holt sich eben, was sie braucht’. Wir haben das nicht bewertet.

In Frauen gemeinsam sind stark – Texte der US amerikanische Frauenbewegung – beschreibt Pamela Allen, wie ich finde, auf wunderbare Weise, warum das so wichtig für uns war.
In den 80er Jahren diskutierte ich mit Studentinnen diesen Text. Sie verstanden aber gar nicht, was daran so besonders sei, sich austauschen zu können. Ich musste ihnen erklären, wie wenig Gesprächsmöglichkeiten Frauen vorher gehabt hatten. Und das erklärt vielleicht auch, weshalb es damals einen solchen Aufbruch gab, weil sich Frauen Räume genommen haben, die sie gestalten konnten, das war das Begeisternde und darin spielten die Selbsterfahrungsgruppen eine zentrale Rolle, weil sie ermöglichten, sich von all diesen politischen Normen und Werten frei zu machen und die eigene Lebenserfahrung ins Zentrum zu stellen.

Monika Meta Schmid würdigt die positiven Nachwirkungen der CR-Gruppen:

Daraus entstand eine Netz von Freundschaften, weil wir uns sehr gut kannten, uns aufeinander verlassen konnten, wo dieses von Frauen für Frauen entstand, wo wir uns ernst nahmen, es wurde nie gelästert, wie etwa in einer WG, du konntest alles in die Gruppe einbringen und diskutieren lassen. Daraus entstanden Projekte, ich hab ja mindestens fünf Vereine mitgegründet. Der erste war Beratung und Information für Frauen (BIFF), der zweite war Psychosoziale Initiative für Frauen (PSIFF), hier waren die Psychologinnen, die sich damit ihren Arbeitsplatz schufen.

 

Entwicklungsstand nach einem Jahr, Herbst 1974

In einem Artikel von 1974[5], den Cillie Rentmeister und Cristina Perincioli für eine US-amerikanische Publikation verfassten, zählten sie 23 Arbeitsgruppen:

4 Selbsterfahrung
4 Selbsthilfe
2 Abtreibungsberatung und Kampagnen zum §218
2 Sexualität, Mythos vom vaginalen Orgasmus
1 Hochschulgruppe: Seminare zur Situation als Studentinnen und Dozentinnen
3 Theorien der Frauenbewegung, u.a. von August Bebel, Friedrich Engels, Selma James
1 Lohn für Hausarbeit (Mariarosa Dalla Costa)
1 Vergewaltigung, Selbstverteidigungskurs mit 25 Zentrumsfrauen

Berufsgruppen mit Beschäftigten in:

  • Medien
  • Gesundheitswesen
  • Psychotherapie, Psychiatrie
  • Kunstgeschichte
  • Schule

1 Gruppe von Psychologinnen und Soziologinnen bereiten eine Frauen-Beratungsstelle vor für pädagogische, juristische und medizinische Fragen
1 Frauenrockgruppe Flying Lesbians, die Frauen hin und wieder in Ekstase versetzt, zumal Frauenfeste schnell sehr beliebt wurden.

…und all diese Aktivitäten gingen von diesem ehemaligen Kartoffelladen mit seinen 72 qm aus – wahrlich ein „Schneller Brüter“!

Frauenzentrum aussen

Das Frauenzentrum Berlin Hornstrasse 2 Ecke Yorkstrasse. Foto: Anke-Rixa Hansen

Hier hauste das Frauenzentrum von 1973-76. Der desolate Zustand der Fassade fiel damals nicht auf. Die Renovierung von Altbauten begann in Kreuzberg erst in den 80er Jahren. Die Miete betrug 650 DM, jedes Mitglied zahlte zwischen 10 und 20 DM im Monat.

 

[0] Für diesem Beitrag hat Cristina Perincioli Auszüge aus ihrem Buch „Berlin wird feministisch“, Berlin 2015, S.89 ff. selbst überarbeitet.
[1] Die <Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW)> war ein Ableger der <Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)> der DDR in Westberlin.
[2] Jovic, Anja: „Ich war getrennt von mir selbst…“. In: Kursbuch 37, Berlin /1974, „Verkehrsformen. Bd. 2: Emanzipation in der Gruppe und die ‚Kosten’ der Solidarität S. 67-83, hier S. 75.
[3] Jovic, Anja: Ich war getrennt, a.a.O., S. 74.
[4] Jovic, Anja: Ich war getrennt, a.a.O., S. 76.
[5] Rentmeister, Cillie, Perincioli, Cristina: Women in two different systems. 1974. Zusammenfassung im Kapitel Ein Blick über die Mauer im 2. Teil des Buches

 

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