Selbstuntersuchung

Eine Selbstuntersuchung der eigenen Vagina mit Spekulum und Spiegel vermittelt denFrauen Kenntnis über ihren eigenen Körp er und soll dem bisherigen totalen Ausgeliefertsein an Frauenärzte entgegenwirken.

Dagmar Schultz hatte in den USA studiert und brachte Erfahrungen der amerikanischen Frauenbewegung ins Frauenzentrum Berlin. Vor allem das Buch Our Bodies – Ourselves[1] wurde sogleich übersetzt. Was die Initiatorinnen von Brot und Rosen 1972 mit ihrem Frauenhandbuch Nr. 1 begonnen hatten, nämlich eine kritische Betrachtung der Gynäkologen und deren oft frauenverachtenden Techniken, ergänzte nun Our Bodies – Ourselves. Dieses Buch ermutigt Frauen dazu, sich selbst Kenntnisse über die Funktionsweise der weiblichen Geschlechtsorgane zu verschaffen, um der Ärzteschaft nicht mehr ausgeliefert zu sein. Tatsächlich hatten wir unsere weiblichen Organe noch nie selber betrachtet, wussten nicht, wie sie funktionieren oder aussehen, wie sie ihr Aussehen verändern und was dies zu bedeuten hat. Das zu untersuchen, hatten wir immer den Gynäkologen überlassen und damit unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden den Entscheidungen dieser Männer überlassen. Dieses Terrain wollten wir uns zurückerobern.

Das erklärte uns Gaby Karsten im Frauenzentrum, machte sich ‚untenrum frei’, legte sich vor dem versammelten 300 Frauen auf einen Tisch, führte das Spekulum in ihre Scheide ein, auf dass wir alle sehen konnten, wie einfach diese Prozedur ist. Mir stockte der Atem bei dieser Szene, aber Gaby durchbrach unser Schamgefühl mit einer solchen Selbstverständlichkeit – beflügelt vom Willen zur Befreiung. Fortan sollte alles, was unser ‚Schamdreieck’ (neuerdings ‚Venushügel’) verbarg, für uns untersuch- und besprechbar sein. Nach dieser Vorführung bildeten sich ungefähr 20 Gruppen, die sich auf diese Weise selbst untersuchten.

Eine Gruppe gründete 1974 das Feministische Frauen Gesundheitszentrum (FFGZ), das bis heute besteht. Die Gruppenmitglieder Dagmar Schultz, Gaby Karsten und Christiane Ewert gaben 1974 das Handbuch Hexengeflüster heraus, in dem Erfahrungen und gynäkologisches Wissen so verständlich weitergegeben wurden, dass es zahlreiche Auflagen erlebte.

 

Hexengefluester
Cover des Buches Hexengeflüster, herausgegeben im Frauenselbstverlag 1975.

 

[1] Our Bodies – Ourselves, ab 1971 erschienen neun Auflagen, erarbeitet wurde es von der gleichnamigen Gruppe in Boston.

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