Theorie-Gefechte

Nach der ersten Euphorie bahnte sich auch in der Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) eine ähnliche Auseinandersetzung an, wie zuvor im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen und in linken Gruppen: Ein Misstrauen gegenüber vorwärtsstürmender Praxis, das immer wieder nach theoretischer Rückversicherung verlangt, die Frage nach dem (einzig) richtigen Weg.

Von solchen theoretischen Überlegungen ließen wir uns im Frauenzentrum Berlin ein Jahr später, also 1973, nicht mehr paralysieren. Zwar betrieben wir auch dort Theoriegruppen, nutzten diese aber nicht dazu, uns Ungenügen vorzuwerfen oder uns gegenseitig zu überbieten. Jahrzehnte später decken sieben Lesben im Gespräch jene Wünschen und Hoffnungen auf, die sich damals hinter ihren Positionen verbargen.

 

Und so ließ sich der Konflikt an: Ein Vierteljahr nach der Gründung der HAW-Frauengruppe formulierte diese unter der Überschrift Warum wir eine Frauengruppe gebildet haben noch ganz schlicht:

Bisher haben auch wir uns nur in den einschlägigen Lokalen getroffen. Aber wir wissen alle, dass dort im Grunde jeder allein bleibt. Viele verhalten sich abweisend gegen jeden, den sie nicht kennen. Pärchen sind oft so stark aufeinander fixiert, dass sie jede Kontaktaufnahme ängstlich vermeiden – Diesen Zustand der Angst, Isoliertheit und des Konkurrenzdenkens wollen wir beenden. In unserem Zentrum in der Dennewitzstraße wollen wir versuchen, durch Begegnungen, Gespräche und Geselligkeit die Vereinsamung aufzuheben. Wir lassen uns nicht von der Umwelt, die von Vorurteilen und Tabus gegen alle Homosexuellen geprägt ist, in eine Subkultur drängen.[1]

Dann zählt der Text auf, was die Frauengruppe in der HAW bisher alles getan hatte (eine Menge) und räumt ein, dass sie weder eine Grundsatzerklärung noch eine Struktur vorweisen könne:

Unsere Mittwochtreffs laufen nicht nach starrem Schema ab, sondern richten sich nach unseren Bedürfnissen. Keiner stellt sich unter einen Leistungsdruck. Wir berücksichtigen die allgemeine Stimmung. Probleme des Einzelnen können ebenso im Mittelpunkt stehen wie allgemeine Themen. Es gibt keine Gruppenleitung. Initiativen ergreift jeder, der den Wunsch dazu hat, fertige Konzepte oder Programme bieten wir nicht. Jeder kann selbst Aktivitäten entfalten.[2]

Zwei Monate später verzeichnet die Dokumentation den ersten Katzenjammer:

Die unterschiedlichen Bedürfnisse – einerseits lockeres Zusammensein und andererseits feste organisierte Gruppenarbeit mit politischen Inhalten und Zielen – ließen uns stagnieren. Aus diesem Grunde beschlossen wir im September [1972] uns fester zu organisieren und bildeten erneut drei Arbeitsgruppen (die vorherigen hatten sich bereits wieder aufgelöst). Auch gab es abermals einen Diskussionsvorschlag zum Selbstverständnis der Gruppe.[3]

Im Anschluss findet sich ein ‚Selbstverständnis‘ formuliert, das durch eine großzügige Verwendung der Verben ‚müssen’ und ‚sollen’ auffällt:

Die Gruppe soll in der Lage sein, ihre Mitglieder von ihrer gesellschaftlich bedingten Vereinsamung und den daraus resultierenden Ängsten zu lösen; auch als einzelne sollen sich schwule Frauen nicht mehr stigmatisiert fühlen von einer Umwelt, die ihre Rituale des Zusammenlebens für Natur und Norm hält. Die Gruppe muss sich dabei zum Ziel setzen, selber überflüssig zu werden. […] Um auf die Öffentlichkeit einwirken zu können, müssen wir uns einerseits klar darüber werden, warum wir homosexuell sind, andererseits dann die Öffentlichkeit mit dem Ergebnis unserer Analysen konfrontieren. Möglichst viele Mitglieder sollten sich daher in Selbsterfahrungsgruppen verständigen, möglichst viele auch versuchen, diese Erfahrung zu theoretisieren.[4]

Wie es zu diesem Text kam, beschreibt Brigitte Classen, die damals neu zu der Gruppe stieß, 25 Jahre später so:

Da saßen sieben Frauen, mehr so ein Familienverein, nach dem Motto ‚Ach, du bist ’ne Neue, setz dich doch’. Damit konnte ich nichts anfangen. Die wussten nicht, was sie wollten. Hinterher sollte man noch in eine Kneipe gehen, auch das lag mir gar nicht. Das war so eine Fröhlichkeit, die mir nicht behagte. Und nun kommt der Hammer, und lach mich nicht aus: ich hab sie gefragt, was sie wollten, – denn ich war zielgerichtet, war es so gewöhnt von den Linken. Aber da kam nichts.

Da dachte ich, vielleicht wissen die gar nicht, dass sie das brauchen und hab denen zum nächsten Termin tatsächlich einen Text geschrieben, darüber, was diese Gruppe will. Und dann machte ich den größten Fehler meiner damaligen Zeit, ich schrieb: ‚das Interesse der HAW Frauengruppe muss sein, sich aufzulösen, überflüssig zu werden’. Das wollten die nun überhaupt nicht, die wollten weiter schön klein zusammenglucken.

 

Unterdessen waren immer mehr Studentinnen zur HAW-Frauengruppe gestoßen: Sie setzen ihren Bedarf nach einer theoretischer Untermauerung lesbischer Aktivitäten durch und formulierten diese in immer neuen ‚Diskussionsvorschlägen’ und ‚Grundsatzpapieren’, beispielsweise so:

Grundsätzlich wichtig ist es, den Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Patriarchat – Unterrückung der Frau, Familienideologie, Rollenzwang, Ignorieren der homosexuellen Frau – aufzudecken. Wobei Letzteres für die linke Frauenemanzipationsbewegung naturgemäß (was zu beweisen wäre) etwas spektakulär klingt, für uns aber eine logische Schlussfolgerung bedeutet.

Diese allgemeine Emanzipation kann sich aber nicht in einer Gesellschaft, in der Menschen über Menschen auf Grund der Profitmaximierung einiger Monopole herrschen, vollziehen. Und wenn es noch so abgedroschen und phrasenhaft für Euch klingt, das ist die für uns relevante Schlussfolgerung und gleichzeitig Ausgangsbasis und Überbau für jede Gruppenarbeit.

Einer ist keiner – Vereint sind wir stark.[5]

 

Wie erlebten die damaligen Gruppenmitlieder diese Ansprüche damals und wie bewerten sie diese rückblickend?

Ilse Kokula hatte als Köchin und als Sozialarbeiterin Berufserfahrung gesammelt, bevor sie an der Pädagogischen Hochschule (PH) Berlin ein Studium begann:

Wir hatten die Klassenanalyse, Haupt- und Nebenwiderspruch, und wir wollten die Frauen ja auch dem Sozialismus zuführen – wollt ich auch – aber dann als freie Lesbe im Sozialismus! Brigitte Classen meinte immer, wir müssten bisexuell werden, aber das wollte ich nicht. Links war ich auch, aber nicht so wie die, ich war viel pragmatischer, ich fühlte mich denen nicht gewachsen, hab dann lieber das Bier verkauft und geplaudert.

 

Gisela Necker war Bibliothekarin und bereits vierzig Jahre alt, als sie die HAW-Frauengruppe mit aufbaute; so sah sie die damaligen Debatten:

Wenn man diese ‚Grundsatzerklärung’ heute wieder liest, wird klar, wie abgehoben damals geredet wurde und welch enorme Distanz untereinander entstand. Einige theoretisierten gerne, eben um das Praktische nicht machen zu müssen, ist doch auch eine Flucht, das wird ja gern benutzt, um Angst zu überdecken, da werden dann diese Theorien hervorgeholt.

Ganz am Anfang war es anders. Unser erstes Selbstverständnis war sehr praxisorientiert, auch die ersten Flugblätter[6]. Aber dann schon nach [dem ersten bundesweiten Lesbentreffen] Pfingsten 1972, nach wenigen Monaten, gab es plötzlich mehr Unifrauen als andere, die die HAW in eine andere Richtung zu bringen versuchten. Viele wollten aber lieber in ihren Selbsterfahrungsgruppen bleiben. So entstanden Fraktionen: die einen mehr fürs Lustbetonte, die anderen fürs Theoretische.

Zu Anfang hatte ich mich gleich in die Selbsterfahrungsgruppen gerettet, da es um unsere eigenen Erfahrungen ging, konnte ich gut mithalten. Wir haben auch viel untereinander geschmust – eine schöne Zeit: So viele verschiedene Frauen – daraus wurden ja auch nicht gleich Zweierbeziehungen –, wir wollten damals alles revolutionieren und die Zweierbeziehungen waren ja ein bürgerliches Relikt. Alle sollten mit allen gleich gut emotional klarkommen.

 

 

Diskussion im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ), Pfingsttreffen 1975 (Foto: M.S.)

An der Wand ist die Faust im Frauenzeichen zu sehen, wobei die Faust das Zeichen sprengt. Dieses kämpferische Frauenzeichen verschwand nach einigen Jahren, machte dem biologischen Zeichen (diesmal ungebrochen) für weibliches Geschlecht Platz oder aber der Doppelaxt. (Foto: M.S.)

 

 

Ulla Naumann, eine der Gründungsfrauen der HAW-Frauengruppe und später des Frauenzentrums Berlin, war 1968 bereits im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen aktiv. Dort setzte sie das Thema weibliche Sexualität auf die Tagesordnung und gab sich als Lesbe zu erkennen. Zuvor war sie verheiratet gewesen und hatte als Kauffrau für Reedereibedarf gearbeitet. Nach dem Abitur ließ sie sich scheiden und studierte Psychologie. Ulla Naumann zur damaligen Stimmung in der HAW-Frauengruppe:

So ein Verein ist was Schönes, aber grauenvoll, wenn er keine politische Artikulation findet. Lesben sind spießiger als der Rest der Welt, weil sie durch die Diskriminierung ein noch stärkeres Bedürfnis nach Anpassung haben. Lesben müssen aufpassen, dass sie sich nicht anbiedern, weil gerade sie die Isolation oft als lebensbedrohlich erleben.

 

Monne Kühn beschreibt ihre Lesegruppe Frauen und Sozialismus als eine Suchbewegung:

Mit Angelika haben wir Ursprung der Familie von Friedrich Engels[7] gelesen, dann Johann Jakob Bachofen[8] Das Matriarchat… Wir haben nach Identität gesucht. Lesbenliteratur war ja keine zu finden! Wenn, dann nur Scheußliches darüber, wie krank die Lesben seien. Charlotte Wolff[9] entdeckten wir erst später.

Es gab mehrere Selbsterfahrungsgruppen; diese wurde von einigen runter gemacht – von wegen ‚sich im eigenen Sud wälzen’. Aber ich fand wichtig, dass sich Lesben über ihre Erfahrungen austauschen. Irgendwann ist diese Phase dann auch gut – aber es war interessant, die Gemeinsamkeit der privaten Erfahrungen zu erkennen: Sich nicht normal fühlen, wie Eltern und Verwandtschaft reagieren. Daraus konnte ich dann wieder Aktionen entwickeln: Wir müssen uns wehren, zeigen, dass wir nicht nur geduldet, sondern als gleichwertig anerkannt werden wollen. Das hat mir Kraft gegeben.

 

Petra Lang, die damals Jura, Psychologie und Geschichte studierte und inzwischen Verlagsvertreterin ist, erinnert sich im Interview an ihre Zeit in der HAW-Frauengruppe:

Nach einer Weile war mein Bedürfnis erfüllt und ich bin nur noch besuchsweise hin. Nicht, dass ich die politische Dimension nicht gesehen hätte, aber dieses ‚Wir müssen jetzt…’, das war nicht mein Ding. Ich hab die Theorien in meinem Privatleben so umgesetzt, dass ich niemandem was vorgemacht habe darüber, dass ich lesbisch bin, auch den Verlagen nicht für die ich arbeitete.

– Hast du dich als links bezeichnet?

Das war damals selbstverständlich. In politischen Gruppen war ich nicht, Marx hatte ich gelesen, zwangsläufig an der Uni, es hat mich aber nicht beschäftigt. Was mich eher vorsichtig macht beim politischen Anspruch ist immer die Vermischung von persönlichen Aggressionszuständen – warum auch immer – und dem Versuch, das auf eine hochobjektive Ebene zu schaffen. Diese Mischung ist mir suspekt, die ist nicht schlimm, aber sie amüsiert mich eher, als dass sie mich motiviert mitzumachen. In der HAW waren das ja auch sehr berechtigte Proteste gegen Ohnmachtsgefühle, die man in der Gesellschaft als Lesbe hat. Aber ich hatte diese Ohnmachtsgefühle nie.

– Ich [Cristina Perincioli] hatte damals das Gefühl, dass sich die HAW paralysiert durch die hochgestochenen Ansprüche und dass wir Sachen, die auf der Hand lagen, nicht angingen, weil wir uns immer mit diesen Ansprüchen rumplagen mussten.

Ja, das lag in der Zeit und daran, dass wir uns damals noch von den HAW Männern begutachtet fühlten. Und dass die gesellschaftliche Übermacht, sagen wir jetzt ruhig, die Macht der Väter, natürlich auch der Pfahl im Fleisch der Frauen war. Dass wir nicht so klug oder zurückhaltend waren zu sagen: ‚Ich habe ein Autoritätsproblem, ich möchte diesen Kerl, meinen Vater, den möchte ich eigentlich mundtot machen, der soll mich machen lassen, der soll nicht irgend ein Bild von mir haben, der soll mich nicht mehr zu was zwingen, der soll nicht immer das letzte Wort haben.’ Diese Selbsterkenntnis, wogegen gehe ich eigentlich wirklich an, gehe ich gegen den Kapitalismus an, oder gegen eine Figur in mir, die virulenter ist und übertrag das bloß, weil ich da auf jeden Fall Recht bekomme? Man hatte damals wenig Chancen über innere Befindlichkeiten zu sprechen. Ich hab es damals selbst auch nicht so formuliert.

 

Angelika war Sprechstundenhilfe bei ihrem Mann, mit dem sie drei Kinder hatte. Sie verliebte sich in eine Studentin. Durch diese kam sie in Studentenkreise und erhielt neue intellektuelle, kulturelle und politische Anregungen. Im Sozialistischer Frauenbund Westberlin (SFB)[10] ließ sie sich schulen und trat dann der Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW) bei. Mit der Scheidung begann ein jahrelanger Kampf um die Kinder. Sie arbeitete dann in einer Klinik, wurde bald freigestellte Personalrätin und ist heute als Heilpraktikerin tätig. Sie erinnert sich:

Da waren ganz unterschiedliche Strömungen: die einen wollten ein bisschen Spaß, endlich Frauen kennenlernen und dann – was natürlich mein Ding war, und das von ein paar anderen, wir politisch Angepieckten – wir wollten nun auch dieses Ding in einen Kasten reinhaben, wo es dann für uns passt und haben diese Diskussionen geführt, wie wir sie vom SFB kannten und wie es die HAW Männer machten, mit Protokoll führen, Tagesordnung und ausformulierten Zielen.

Zu Hause machte ich Arbeitsgruppen mit Lesben, die auch in der SEW waren, wir haben politische Texte gelesen und uns schließlich von den HAW Frauen abgespalten, weil wir mit unserem politischen Anspruch dort nicht weiterkamen.

Dann trugen wir die Frauenfrage und die Lesbenfrage in die SEW Gruppe und kloppten uns mit den Genossen. Wir haben versucht in dieses Gefüge hereinzukommen und mussten nach zehn Jahren feststellen, dass das ein Apparat ist, wo wir die allerkleinsten Piepels waren und dass die uns nur ausgenutzt und ausgehorcht haben.

Wir arbeiteten auch gewerkschaftlich sehr intensiv aber merkten dann, dass die Parteifunktionäre immer nur wissen wollten, wo die SEW infiltrieren könnte. Die brüsteten sich damit, dass die SEW in diesem und jenem Betrieb verankert sei. Wir waren nur Figuren und wurden missbraucht. Aber das wurde mir erst viel später klar.

Mit euch beiden [Waltraut Siepert und Cristina Perincioli] war eine totale Sympathie da. Im Grunde fand ich ja wunderbar, was ihr machtet. Ihr habt immer nach eurem Gefühl handeln können, nach dem Motto: ‚Wenn mir was nicht passt, mache ich gleich was dagegen. Wenn ich wen ungerecht finde, dann trete ich dem hier und jetzt in den Arsch. Da brauche ich nicht erst die Literatur zu konsultieren, noch einen Arbeitskreis’.

Das konnte ich nicht. Da hätte ich viel zu viel Angst gehabt. Denn meine Gefühle, die konnte ich nicht rauslassen. Ich musste mich schützen. Ich musste mich in eine intellektuelle Betätigung retten. Wahrscheinlich dachte ich, wenn ich das intellektuell alles verstehe, warum diese ekligen Geschichten passieren mit meiner Familie, meinem Mann und meiner Freundin, wenn ich das verstehe, dann erst ist das in Ordnung. Und dazu muss ich alles durchleuchten. Deshalb waren Frauen, die mit mir auf dieser Ebene diskutierten, so wichtig für mich. Das war viele Jahre so. Und erst dann hab ich gewagt, in meine eigenen Gefühle hineinzuschauen.

Du warst erdverbunden, immer praktisch. Brigitte Classen aber wollte was Hochkulturelles, das war nicht nur politisch, da war auch was anderes bei, was mich faszinierte. Ich fand es spannend.

 

Cristina Perincioli in den Räumen des LAZ 1975. (Foto: M.S.)

 

Brigitte Classen studierte ab 1963 in Berlin u.a. Philosophie, stand dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) nahe, ging mit einem Deutscher Akademischer Auslandsdienst (DAAD)-Stipendium nach Paris, wo sie einen, auch was Homosexualität betraf, viel offeneren Umgang kennenlernte. Zuvor pflegte sie ihre lesbische Beziehung auch vor Freunden geheim zu halten. In Berlin hatte sie Hegel, Marx und Kant gelesen, in Paris lernte sie nun die Strukturalisten kennen. Das neue Wissen versuchte sie dann auch als Information in die Frauenbewegung einzubringen. Nach zweieinhalb Jahren Mitarbeit in der HAW-Frauengruppe gründete sie die Zeitschrift Die Schwarze Botin, in der sie ihre Vorstellungen nun unabhängig veröffentlichen konnte. Im Gespräch mit Cristina Perincioli erinnerte sie dieser Zeit so:

Es fehlte die gesellschaftliche Utopie, Ziele, die über diese Kaffeekränzchen hinauswiesen. Ich dachte, ich könnte den Frauen etwas beibringen, was für sie selber interessant sein könnte, worüber nachzudenken lohnte. Ich wollte zeigen, dass es mehr gibt als Selbsterfahrung, die sie sich jeden Tag rein zogen, was mir ein Dorn im Auge war, weil sie den Bewusstseinsprozess hemmt: die trafen sich täglich, erzählten sich täglich dasselbe, meinten dabei aufzublühen, stagnierten aber nur. Was warfen sie mir nicht alles vor: ich sei elitär, autoritär und arrogant…

– Denkst du, dass du das warst?

Bin ich bestimmt gewesen, oder wenigstens etwas. Irgendjemand muss ja die Anstöße geben, jemand muss sagen, das machen wir jetzt und wir treffen uns dann und dann.

– Das hab ich aber nicht so in Erinnerung, sondern mehr, dass von dir immer wieder theoretische Einwürfe kamen. So dass die Praktikerinnen wie ich, nicht weiterkamen. Wir haben uns regelmäßig in die Haare gekriegt. Ich wollte immer was Konkretes angehen, ‚los, machen wir das jetzt…’ und du schobst dann gleich die großen Fragestellungen in den Raum und hast damit vom Nächstliegenden abgelenkt.

– Vielleicht wollte ich immer noch das und jenes geklärt haben… Vielleicht war ich zu theoretisch und hab die Praxis zu wenig wahrgenommen, könnt ja sein. Ich hab dir ja erzählt, wo ich herkomme und das war ja größtenteils Theorie. Ich war an sich aber auch immer dafür, sie in die Praxis umzusetzen, bloß bei den Frauen hatte ich immer das Gefühl, es fehlt noch was und das müssen wir noch hinkriegen. Ich meinte immer, die Lesben könnten dadurch, dass sie etwas mehr auf dem Buckel hatten, weiter voraus denken, eine Avantgarde sein, das sehe ich als meinen Fehler an. Die HAW Frauengruppe war sehr an Amerika orientiert, die französische Variante – diese ganze Fraktion gegen Jacques Lacan damals, Luce Irigaray war noch nicht so mies, dann gab es Hélène Cixous, die für uns neue Wege des Feminismus aufzeigte, in lesbische Richtung vordachten – das interessierte hier natürlich niemanden. Mone Kühn sagte mir: ‚Was interessiert mich deine Sache da in Paris, was interessiert mich Hélène Cixous, mich interessiert die neue Lesbe aus Gelsenkirchen!‘
Sie hatte ja recht. Da kamen diese wunderbaren Frauen zu den Pfingsttreffen, was wollten die? Die wollten eine Frau abschleppen – konnten sie in Wanne-Eikel nicht. Und das ist ja auch o.k. Aber ich geh doch lieber allein ins Bett als mit einer Frau aus Gelsenkirchen.

– Sag das nicht zu früh.

Ne, ne, jetzt ist es eh zu spät.

[1] Eine ist keine – gemeinsam sind wir stark. Dokumentation. Hrsg. Von HAW-Frauengruppe. Berlin 1974, S. 14.

[2] Eine ist keine, a.a.O., S. 15.

[3] Eine ist keine, a.a.O., S. 18.

[4] Eine ist keine, a.a.O., S. 18.

[5] Eine ist keine, a.a.O., S. 12.

[6] Ein Flugblatt aus der Anfangszeit für die Unis:

„Sind Sie

– homophil? – vornehme Version

– homoerotisch? – sehnsüchtig

– lesbisch? – Sappho ist lange tot

– homosexuell? darüber wissen sogar Professoren einiges

oder

schwul? Dann sind wir einander sicher schon über den Weg gelaufen.

Wir können uns aber auch absichtlich treffen, nämlich in

Berlin 30, Dennewitzstr.33, Aufgang A 1.Stock, HAW Frauengruppe“

aus: Eine ist keine, a.a.O., S. 17.

[7] Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats,
Zürich, 1884.

[8] Bachofen, Johann Jakob: Das Mutterrecht, Stuttgart 1861.

[9] Wolff, Charlotte: Psychologie der Lesbischen Liebe. Eine empirische Studie der weiblichen Homosexualität, Reinbek, 1973

[10] Vgl. Kapitel Sozialistischer Frauenbund im 2.Teil des Buches